Infrastrukturelle Mobilitätsbildung von dortmunder Kitaneubauten [mit Updates]

Seit 2013 sind in Dortmund 14 Kitas eröffnet worden, bei denen man etwas für die Radverkehrsfreundlichkeit der Stadt tun konnte. Positiv ist mir die Einrichtung St. Angela an der Hannöversche Straße 119 aufgefallen. Das Gebäude wurde von Al – Kita Bau aus Brilon gebaut und wird von der Caritas betrieben. Vor dem Eingang gibt es gut sichtbar richtige Fahrradbügel, die auf die Möglichkeit aufmerksam machen, und durch die Lage am Eingang der sozialen Kontrolle unterliegen, was das Risiko für Diebe erhöht.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Wenn die Ständer noch überdacht wären, wäre das richtig gelungen. Diese Umsetzung entspricht der Vorstellungen der Stadt, wie Stadtsprecherin Anke Widow gegenüber velocityruhr.net erläutert:

Die Fahrradstellplätze müssen verkehrssicher und bequem zu erreichen sein und sollen den übrigen Verkehr nicht gefährden oder stören. Grundsätzlich werden Fahrradbügel für Besucher zentral am Eingangsbereich angeordnet. Abstellmöglichkeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen mit Witterungsschutz ausgestattet sein und so eingerichtet werden, dass diese nur für eine klar definierte Personengruppe zugänglich sind. Für die Fahrradbügel ist eine angemessene Qualität erforderlich. Die Räder sollen sicheren Halt finden und der Rahmen muss angeschlossen werden können. Sogenannte „Felgenkiller“ sind nicht erwünscht.

Jedoch sieht die Stadt Probleme, dies durchzusetzen:

In Ermangelung einer satzungsbasierten Regelung orientiert man sich in Dortmund, quantitativ an den Stellplatzbedarfen für KFZ, die zur Zeit noch gemäß Richtzahltabelle der Verwaltungsvorschrift zur Bauordnung des Landes Nordrhein-Westfalen berechnet werden. Da der entsprechende Mindeststellplatzbedarf gemäß Pkt. 8.5. der Tabelle für Kinderbetreuungseinrichtungen 1 Stellplatz/ 20 Kinder beträgt, berechnet sich der Stellplatzbedarf entsprechend. Üblicherweise wird der Nachweis von Fahrradabstellplätzen im Baugenehmigungsverfahren auf der Grundlage der vorstehenden (internen) Regelung gefordert. Weiterreichende Forderungen erscheinen oftmals sinnvoll, sind aber rechtlich kaum durchzusetzen.

erläutert Widow gegenüber velocityruhr.net. Auch eine Handreichung zur Erschließung von Kindergärten o. ä. kommt nicht zum Einsatz. Die Genehmigung erfolge nach den allgemeinen Verfahrensrichtlinien. Nach BauO NRW § 51 Abs. 4 kann eine Gemeinde durch eine Satzung die Errichtung von Abstellanlagen für Fahrräder regeln. Im Rahmen dieser Satzung könnte man auf die Handreichung der AGFS zum Thema, in der Dortmund Mitglied ist, verweisen bzw. sinngemäße Regelungen definieren. Die Stadt Friedberg in Hessen hat z. B. detaillierte Anforderungen definiert in ihrer Stellplatzsatzung.

Ganz anders die Situation bei der religiösen Konkurrenz. Der ebenfalls dieses Jahr eröffnete Evangelische Kindergarten in der Brechtener Heide an der Wittichstraße 176 wurde von der Reale Werte e. G. für den Evangelischen Kirchenkreis Dortmund-Lünen gebaut. Ob es sich um minimalistische Felgenbieger oder doch um Rankhilfen für Blumen handelt, kann man diskutieren. Die Positionierung spricht aber dafür. dass man für hier im 50er-Jahre-Retro-Style auf einer Restfläche Alibi-Radverkehrsplanung betrieben hat.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Was auf den Fotos nur teilweise zu sehen ist, ist der große Parkplatz auf denen man viel Rangierverkehr haben wird, wenn die Elterntaxis vorfahren. Ganz anders trägt man der Realität der mit verstorbenen Dinos betriebenen Elterntaxis bei St. Angela Rechnung. Es gibt eine Vorfahrt als Einbahnstraßenführung, so dass wenig rangiert werden muss. Es gibt auch einen abgegrenzten Gehweg vom Wohngebiet aus.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

In der BauO NRW § 51 Abs. 1 heißt es, dass Fahrradabstellplätzen errichtet werden müssen, wenn Zu- und Abgangsverkehr zu erwarten ist.  Ob Pflanzenrankhilfen der Pflicht genüge tun, lässt sich sicherlich diskutieren, da es keine verbindlichen Vorschriften gibt. Ein fachlich und rhetorisch versierter Jurist würde sicherlich begründen können, warum nur dem Stand der Bautechnik entsprechende Abstellanlagen der Pflicht entsprechen. Ich denke, dass eine Fahrradstellplatzsatzung ein Thema für den neuen Beirat Nahmobilität sein sollte, damit Pflanzenkletterhilfen nicht mehr an öffentlichen Gebäuden aufgestellt werden.

Neueröffnete Kitas in Dortmund seit 2013

  • Burgholzstraße (AWO/DOGEWO)
  • Osterfeldstraße (Stadtteilschule e.V./AVIA Rent vertreten durch DH-Projekt GmbH)
  • Auf dem Hohwart (AWO/DOGEWO)
  • Hohenbuschei (EKK/DOGEWO)
  • Aplerbecker Straße 486 (AWO/DOGEWO)
  • Auf der Kohlwiese 11 (Ev. Noah KG/DOGEWO)
  • Lindenhorster Str. 232 (Johanniter Unfallhilfe e.V. KV Dortmund/Al – Kita Bau GmbH)
  • Phoenixseestraße 25 (AWO/DOGEWO)
  • Weingartenstraße 48 (Caritasverband Dortmund e.V./DOGEWO)
  • Fuchteystraße 6 (Frauenzentrum Huckarde 1980 e.V./DOGEWO)
  • Rolandstraße 11 (EKK/Al – Kita Bau)
  • Wittichstraße 176 (EKK/Reale Werte e.G.)
  • Hannöversche Straße 119 (Caritasverband Dortmund e.V./Al – Kita Bau)
  • Nortkirchenstraße 33 (AWO/Al – Kita Bau)

Es ist zuerst der Träger und dann der Bauherr genannt.

Wir freuen uns, wenn ihr uns Fotos zur Verfügung stellen könnt der anderen Einrichtungen für weitere Analysen und Veröffentlichungen. Bitte möglichst von der Straße aus fotografieren. Bilder bitte per E-Mail an norbert.paul(zuhausebei)velocityruhr.net.

Update 10.03.2016 01:04:

Ergänzend zwei weitere Kitas:

Kath. Kindertageseinrichtung St. Clara Schultenstr. 3 (2013 – fehlt in der Übersicht der Stadt, vermutlich weil es ein Ersatzbau ist)

(Foto: Karl-Heinz Kibowski)
(Foto: Karl-Heinz Kibowski)

Evangelisches Familienzentrum „Zum Guten Hirten” Nortkirchenstr. 5 (2011 (!) – ebenfalls Ersatzbau)

(Foto: Karl-Heinz Kibowski)
(Foto: Karl-Heinz Kibowski)

Ergänzung 06.07.2016 22:08

Die neue Kita Strohnstr. hat zwar eine Pelletheizung, setzt aber mehr auf Eltern-Taxis als auf umweltfreundlichen Verkehr.

(Foto: Karl-Heinz Kibowski)
(Foto: Karl-Heinz Kibowski)

Update 10.08.2016 21:30

Auch die Kita an der Strohnstraße vom städtischen Eigenbetrieb Fabido zeigt, dass die Stadt es nicht mal  bei eigenen Gebäuden hin bekommt, so zu bauen, dass es einer fahrradfreundlichen Stadt entspricht und Kinder lernen, dass Radfahren was normales ist.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Update 10.08.2016 21:50 II

Und dann habe ich im Archiv gerade noch ein Bild gefunden, dass ich schon vor einem guten Jahr aufgenommen habe bei der Kita Lummerland.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Ergänzung 14.08.2016 17:17

Nun auch noch ein Foto von der Kita Erdbeefeld (Auf der Kohlwiese 11).

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Ergänzung 20. 08. 2017 19:54

Zuerst ein Blick auf die Kita an der Lindenhorster Straße 232, die von den Johannitern betrieben wird und am 1. Oktober 2014 eröffnet wurde. Hier gefallen die etwas niedriger ausgeführten Fahrradbügel, sodass die besser für Kinder geeignet sind.

(Foto: Norbert Paul)

Warum es dann trotzdem noch Felgenbieger gibt …?

(Foto: Norbert Paul)

Nicht weit davon entfernt gibt es eine städtische Kita am Börgerhoffweg 3. Bewegung findet dort in einem extra Raum statt und nicht auf dem Fahrrad, so eine der Schwerpunkte der Arbeit. Ein großer Mitarbeiter*innen-Parkplatz …

(Foto: Norbert Paul)

… und ein Kunstwerk am Eingang, von dem keiner weiß, was daran zum Radabstellen geeignet sein soll.

(Foto: Norbert Paul)

Eine noch ganz neue städtische Kita gibt es an der Strohnstraße 2, die seit Mai 2016 in Betrieb ist. Da lässt man lieber gleich Gras über das Thema wachsen.

(Foto: Norbert Paul)

Ergänzung 04.09.2017 23:53

Auch noch nicht sehr alt ist die Kita Kuithanstraße, gebaut vom Spar- und Bauverein Dortmund und betreiben von Fabido. Immerhin nah beim Eingang.

(Foto: Norbert Paul)

Ergänzung 1. 1. 2018 12:27

Bei der Ev. Kindertageseinrichtung Roland hat man den Standort richtig gewählt: Direkt am Eingang und näher am Eingang als Autoparkplätze. Aber wieder nur Felgenbieger.

(Foto: Norbert Paul)

Norbert Paul

Norbert Paul lässt sich ungern ein X für ein U, ein Protected Bike Lane für eine Abkehr für der autogerechten Stadtplanung vor machen. Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er als Kooperationspartner von VeloCityRuhr über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund. Er ist per PGP-Schlüssel erreichbar (Testphase) über die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

7 Gedanken zu „Infrastrukturelle Mobilitätsbildung von dortmunder Kitaneubauten [mit Updates]

  • 28.02.2016 um 9:25
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    Ich habe mir gerade die Stellplatzsatzung aus Friedberg angesehen. Darin wird ja leider nur definiert, dass 1,5m² pro Rad anzusetzen sind und dass der Untergrund wasserdurchlässig sein muss. Ansonsten fehlen auch dort ganz eindeutige Hinweise darauf, was nun „geeignete Beschaffenheit“ eigentlich sein soll. So gesehen könnten auch die Rankhilfen am ev. Kindergarten der Definition entsprechen. Geeignet sind die Teile – nur eben ganz miserabel.

    Sinnvoll wäre also noch eine Ergänzung der Satzung mit Photos zur beispielhaften Verdeutlichung von „geeignet“, in der dann nur Anlehnbügel unterschiedlicher Bauart gezeigt werden. Hier bei uns könnten die Empfehlungen der AGFS auch direkt in Vorschriften umformuliert werden.

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  • 29.02.2016 um 9:44
    Permalink

    Ich kann diese Themen wirklich nicht ertragen, wenn es immer nur darum geht, was Recht ist und was nicht. Das deutsche System diesbezüglich ist mehr als lächerlich.

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