Bochum bremst Radverkehr mit Protected Bike Lane aus

Die Bochumer Universitätsstraße ist ein Ergebnis der autogerechten Stadtplanung. Dennoch kann man dort – vom Abschnitt direkt südlich des Hauptbahnhof im Ruhrgebietsstandard abgesehen – ziemlich entspannt zur Ruhr Universität Bochum (und FH Bochum) raufradeln und in Gegenrichtung flott zurück kommen. Richtig viel Verkehr habe ich bisher nicht auf den jeweils zwei Spuren für den brausenden Verkehr nicht erlebt und der Radverkehr wird auf breiten Radfahrstreifen geführt. Könnte vor allem deutlich schlimmer sein. Vor allem gibt es so gut wie keine Falschparker auf dem Radfahrstreifen, da die Straße in dem Abschnitt weitesgehend anbaufrei ist.

Nun  will die Stadt Bochum den Radverkehr auf einem kleinen Teilabschnitt anschließend an den Ruhrgebietsstandard schützen.

(Bild: Lutz Leitmann/Stadt Bochum)

Welche Konsequenzen hat dies?

Da man benutzungspflichtige Radinfrastruktur zum Überholen nicht verlassen darf (eine entsprechende Einschränkung der Benutzungspflicht gibt es nicht), muss das Überholen zwischen Radfahrenden innerhalb des Radfahrstreifens erfolgen. Beim Überholen eines Radfahrers muss man pedalierend nicht so viel Abstand einhalten, wie wenn man pedaldurchtretend unterwegs ist, ein Sicherheitsabstand ist jedoch trotzdem einzuhalten (König § 5 StVO Rn. 55; Henschel/König/Dauer Straßenverkehrsrecht 45. Auflage). Wie groß der Abstand im Einzelfall ist, bemisst sich nach der Fahrweise und der Geschwindigkeit des Überholten, der Geschwindigkeit der Überholenden und dem Straßenzustand. Auf dem Großteil der Strecke sollte das sicher gehen, wenn nicht jemand mittig fährt.

Der Schutz ist aber dort geplant, wo der Radfahrstreifen vergleichsweise schmal ist. An dieser Stelle (die Gegenrichtung soll noch folgen) geht es leicht bergab, ohne viel Kraftaufwand erreicht man Geschwindigkeiten von 30 km/h. Wenn man nun den Radfahrer auf dem Bild überholt, riskiert man, mit den Pedalen auf das Bord zu geraten (was bei höheren Barrieren nicht möglich wäre) und dann zu stürzen oder beim Überholen gegen das Bord zu fahren – insbesondere dann,  wenn man reflexartig nach links ausweichen will, wenn der Überholte nach links zieht oder schwankt. Auch wenn es formal nicht korrekt ist, hätte man bisher die Fahrbahn mitnutzen können und wäre eventuell in den Sicherheitsabstand zwischen Kfz und überholender Radfahrerin gekommen ohne dass ein Sturz wahrscheinlich war. Die Infrastruktur wird also weniger fehlertolerant.

In dem auf dem Bild sehenden Fall kann man nur davon abraten zu überholen, da dass erkennende Gericht sicherlich zu Recht einen zu geringen Sicherheitsabstand feststellen wird. Ansonsten wird es vermutlich regelmäßig Unfälle geben, die es nie in die Polizeistatistik schaffen. Deutlich weiter rechts sollte der Radfahrer aber auch nicht fahren, um noch genug Sicherheitsabstand zum rechten Board zu haben (das die Grünpflege dort noch Luft nach oben hat, lasse ich mal außen vor).

Eine kleine Fotomontage verdeutlicht das Problem. Ich habe den Radfahrer etwa eine Radfahrerbreite (grob 80 cm) nochmal daneben gesetzt.

(Bild: Lutz Leitmann/Stadt Bochum, Montage Norbert Paul)

125.000 € kostet diese Maßnahme, die so eine Insel bleibt mit Zuläufen, die nicht zum Radfahren motivieren. „Wir müssen den Radverkehr fördern, schneller und sicherer machen“, so Stadtbaurat Markus Bradtke. Es soll evaluiert werden, ob nicht näher genannte Effekte auch wirklich eintreten. Schneller und Sicherer wird er dadurch nicht. Besser investiert wäre das Geld in einen Umbau des Abschnittes südlich des Hauptbahnhofes. Aber da müsste dann eine Fahrspur entfallen …

Update 15.05.2021

Der ADFC Bochum ist auch nicht so angetan.

Norbert Paul

Norbert Paul ist per PGP-Schlüssel erreichbar (Testphase) über die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

10 Gedanken zu „Bochum bremst Radverkehr mit Protected Bike Lane aus

  • 05.10.2020 um 10:52
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    Ein guter Kommentar.
    Anstatt die Fehler anderer Städte zu wiederholen und solche hohen Borde zu verwenden, hätte man andere kreative bzw. Materialien verwenden sollen.
    Ich verstehe nun immer noch nicht, was an der Stadt gelobten „Protected Bike lane“ nun so sicher sein soll? – Ein Auto kann nun nicht mehr drauf parken, okay, ein Fahrrad umso besser stürzen.

    Mal davon abgesehen, dass man auf dem WAZ Foto bereits den ersten Unfall sieht.

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    • 05.10.2020 um 12:58
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      Sicher, dass man da nicht drüber fahren kann?

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  • 16.10.2020 um 9:38
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    Rücksichtslose Radler sind mitunter genau so gefährlich wie für andere Radfahrer wie rücksichtslose Autofahrer. Im von Norbert Paul beschriebenen Szenario, versucht ein Radfahrer mit knapp 30 km/h auf einem schmalen Radweg zu überholen ohne auf sich aufmerksam zu machen (Sonst wäre die Angst vor dem eventuellen Linksschwenker des zu Überholenden unbegründet).

    Weiterhin fordern wir als Radfahrer doch alle immer, dass Autofahrer da, wo nicht genug Platz zum Überholen mit Sicherheitsabstand ist, eben nicht überholt werden kann. Dann ist das für Radfahrer (und ja, dass gilt auch für die meist männlichen Vehicular-Cycling-Fetischisten) eben genau so anzuwenden.

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    • 16.10.2020 um 16:39
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      Es fällt aber schon auf, dass das Bild nachträglich mit einem Bildbearbeitungsprogramm bearbeitet wurde?
      Es ist das selbe Bild wie oben, nur dass der selbe Radfahrer nochmal neben sich selber eingefügt wurde! Ja es ist das selbe Bild und es ist zwei mal der selbe Radfahrer!
      Hätte er sich also im beschriebenen Scenario selber anklingeln sollen? Soll er selber mehr Abstand zu sich selber halten?

      Zumal weiß ich gerade nicht was man hier will.
      Erst schreit alle Welt nach mehr Radwegen, dass sind Radwege aber böse.
      Dann schreit alle Welt nach „protected Bikelane“… geschützten Radwegen, jetzt sind die auch böse?!

      Klar muss was an der Radinfrastruktur gemacht werden, aber man sollte selber erstmal wissen was man will bevor mal rumjammert.
      Solch ein verhalten sehe ich hier zuhause selber oft genug… aber die Person ist drei Jahre die das Verhalten zeigt.

      Antwort
      • 16.10.2020 um 17:25
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        Es fällt aber schon auf, dass das Bild nachträglich mit einem Bildbearbeitungsprogramm bearbeitet wurde?

        `

        Das steht zwei Zeilen darüber und auch in der Bildunterschrift. Was fehlt dir da an Transparenz?

        Zumal weiß ich gerade nicht was man hier will.

        Verdeutlichen, dass da kein Radfahrer den Radfahrer sicher und rechtssprechungskonform überholen kann. Dafür war es mir egal, ob der Überholer gleich aussieht.

        Dann schreit alle Welt nach „protected Bikelane“… geschützten Radwegen, jetzt sind die auch böse?!

        Ich habe nicht danach gerufen und hier die konkrete Umsetzung in Frage gestellt.

        Antwort
        • 26.10.2020 um 17:21
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          Hallo Norbert.

          Ich habe diese Punkte so herangezogen weil Markus da eine Situation reininterpretiert hat die einfach nicht stadtgefunden hat.
          Und ich selber bin der Meinung, dass der Radweg durchaus breit genug ist dass da sicher überholt werden kann wenn der Überholende sich mal eben bemerkbar macht und der zu überholende etwas mehr Platz macht.

          Antwort
          • 26.10.2020 um 19:32
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            … wenn Bochum da immer rechtzeitig an den Grünschnitt denkt uns es zwei geübte Radfahrer sind, die einspurig unterwegs sind, geht das sicherlich halbwegs gerichtsfest und risikoarm.

            Antwort
    • 16.10.2020 um 17:20
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      So ist der Weg m. E. zu breit für eine einspurige Führung, bei der ein lagsamer Radler schnelle eine Schlange hinter sich haben kann, und zu schmal für eine zweispurige Führung.

      Antwort
  • 25.11.2020 um 14:46
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    Doppelt so viel wie in weiten Teilen von London oder Paris…

    Ansonste gilt auch hier §1 Stvo.

    Im Kern ist das jammern auf erstmal hohem Niveau. Ganz Kopenhagen oder Amsterdam fährt mit Kanten, um die Radfahrer vom Gehweg oder der Fahrbahn zu halten, ganz ohne Blutbad.

    Im Gegensatz zu billigen Pöllern, die meisten umfahren können und in Dichte noch gefährlicher sind, sehe ich das Problem weniger.

    Reden hilft auch.

    Und es ist ja nix Neues: Die ersten Dinge, die getestet werden, sind meistens nicht unbedingt die besten Lösungen.

    Antwort
    • 25.11.2020 um 22:04
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      Mir ging es um die rechtlichen Konsequenzen im aktuellen deutschen Rechtsrahmen für die Nutzer*innen. Ob es in London und Paris Radwege gibt, die wie ein Gastgeschenk der Stadt Dortmund sind, ist dafür wirklich unerheblich. :-) Und London ist weder für dich noch für mich die Vorbildstadt für den Radverkehr. Ebenso Paris.

      Und es ist ja nix Neues: Die ersten Dinge, die getestet werden, sind meistens nicht unbedingt die besten Lösungen.

      Besser werden die nur, indem man die Probleme benennt.

      Im Kern ist das jammern auf erstmal hohem Niveau. Ganz Kopenhagen oder Amsterdam fährt mit Kanten, um die Radfahrer vom Gehweg oder der Fahrbahn zu halten, ganz ohne Blutbad.

      Dir reichen 85 %, ich will 95 %. An dieser Tatsache hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. So wirst du mit größerer Wahrscheinlichkeit glücklich werden mit dem was so kommt in den nächsten Jahren, z. B. das 10 Jubiläum der Verschiebung des Baustartes des RS 1 in Dortmund.

      Ein Blutbad habe ich nicht prophezeit, sondern – s. o. – auf rechtliche Konsequenten hingewiesen. Das kann man durchaus auch durch Änderung es Rechtsrahmens lösen. Aber das liegt in der Hand des Bundesverkehrsministeriums.

      Als ich mal durch Kopenhagen radelte, hat sich mir so eine bauliche Lösung nicht in den Erinnerungsfundus gedrängt. Gut, häufig gab es gar keinen Radweg.

      Meinst du die kleinen Bischofmützen?

      Wer soll mit wem reden?

      Antwort

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