Autostauvermeidung hat Vorrang vor Radverkehrssicherheit und Radverkehr darf nichts kosten in Dortmund

(Foto: Norbert Paul)

Die Dortmunder Stadtverwaltung hat sich in einer aktuellen Drucksache (07486-17) dazu bekannt, dass die FlĂŒssigkeit des Autoverkehrs ihr wichtiger ist als die Sicherheit des Radverkehrs. Vorausgegangen war eine Eingabe nach GO NRW § 24 meinerseits. Ich bat darum, dass in Zukunft bei Situationen wie der auf dem Bild oben eigene Lichtsignale fĂŒr den Radverkehr eingerichtet werden wie dies bei fest installierten Lichtsignalanlagen auch der Fall ist. Wenn darauf verzichtet wird, mĂŒssen Radfahrer*innen gleichzeitig mit dem Autoverkehr losfahren und sich dabei auch noch in den Autoverkehr einfĂ€deln um an der Engstelle vorbei zu kommen. Hat der Radverkehr 5 oder mehr Sekunden Vorsprung, können auch ungeĂŒbte Radfahrer*innen, Senior*innen und Kinder los fahren und in den Engstellenbereich ohne Schutz- oder Radfahrstreifen einfahren. Bei der Festlegung der Zeit dĂŒrfen nicht die ganzen sportliche Verwaltungsmitarbeiter*innen mit ĂŒberdurchschnittlicher ReaktionsfĂ€higkeit maßgeblich sein. Die Zeit muss so bemessen sein, dass auch langsamere Radfahrer*innen mit dem Rad bereits in der Engstelle sind, wenn der Kfz-Verkehr GrĂŒn bekommt und vom Kfz-Verkehr so gut gesehen werden können. Ansonsten dient die Ampel kontraproduktiverweise dem Autoverkehr als VorankĂŒndigung.

Ich bat daher darum, an die zu denken, die bei solchen Situationen Angst bekommen und daher dann nicht mehr Fahrrad fahren. Auch ungeĂŒbte Radfahrer*innen mĂŒssen die Möglichkeit haben, die Engstelle sicher zu passieren. FĂŒr geĂŒbte Radfahrer wie mich macht so eine Situation das Radfahren in Dortmund „nur“ unattraktiver, sodass ich mich dann vielleicht eines Tages mit einem SUV mit in die Reihe der wartenden Kfz einreihe.

In seiner Antwort schreibt der zustĂ€ndige Dezernent Martin LĂŒrwer vieles, geht nur nicht wirklich auf das Anliegen ein, wie es bei Antworten der Stadtverwaltung hĂ€ufig der Fall ist. Er greift dann auf einen Trick zurĂŒck.

Ich darf in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass die seit Jahren praktizierte Regelung nach Auswertung der Unfallstatistik bisher zu keinen UnfĂ€llen mit Radfahrerbeteiligung gefĂŒhrt hat und auch aus diesem Blickwinkel als verkehrssicher angesehen wird.

Sicherheit auf die polizeilich erfassten UnfĂ€lle zu beschrĂ€nken, ist mir ein wenig zu kurz gegriffen. Hier wird nicht in Betracht gezogen, dass Menschen auf das Rad-fahren verzichten, weil sie sich unsicher fĂŒhlen oder in den Bereich des Fußverkehrs ausweichen. Dann gibt es auch keine Radfahrer*innen mehr, die verunglĂŒcken können. Auch wird nicht berĂŒcksichtigt, dass Dortmund mehr Radverkehr bekommen soll und dass plötzlich endende Infrastruktur nicht gerade attraktiv ist. Auch das Thema der statistisch nicht erfassten BeinaheunfĂ€lle wird ausgeblendet. Die RealitĂ€t ist, dass man sich hier sehr mutig vor das erste Auto stellen muss, um so sicher durch die Baustelle zu kommen.

In den weiteren AusfĂŒhrungen wird dann deutlich, was wirklich zĂ€hlt in Dortmund.

Bei der Diskussion der Eingabe bitte ich, zudem folgendes zu bedenken: Jede Baustellensignalisierung schrĂ€nkt die LeistungsfĂ€higkeit der Straße ein, weil dem Verkehr weniger Verkehrsraum zur VerfĂŒgung steht [
] Dementsprechend kommt es bekanntermaßen vielfach zu Stauerscheinungen in diesen Bereichen. Eine weitere EinschrĂ€nkung der LeistungsfĂ€higkeit durch eigene Signale fĂŒr den Radverkehr ist bei Betrachtung der Gesamtsituation nicht vertretbar. Ungeachtet dessen, wĂŒrde dies auch zu Kostenerhöhungen fĂŒhren.

Das klingt so, als ob ĂŒberall das Straßennetz am Limit ausgelastet wĂ€re. DafĂŒr fehlt es an jeglichem Beleg. Vergessen wird auch, dass man notfalls den Autoverkehr umleiten könnte. Dies wĂ€re eine geringere EinschrĂ€nkung, als den Radverkehr einfach zu vergessen oder ignorieren. An der Stelle sei angemerkt, dass Straßen ohne Staus das Mittel war, dass das Leitbild der (auto)verkehrsgerechten Stadt in der Nachkriegszeit propagierte.1

Dann merkte ich noch an, dass die unnötige Verengung mindestmaßiger Radinfrastruktur in Baustellen nicht sinnvoll ist. Im dem folgenden Beispiel aus der gleichen Baustelle wĂ€re rechts des s. g. Schutzstreifen genug Platz fĂŒr die Baken.

(Foto: Norbert Paul)

Ich erwĂ€hnte abschließend, dass ich mir erhoffen wĂŒrde, von den AnkĂŒndigungen der Radverkehrsförderung draußen auch endlich etwas bemerkt zu können und dass die BerĂŒcksichtigung des Radverkehrs auf allen Ebenen des Verwaltungshandels implementiert wird. Auch darauf geht die amtliche Autoverkehrsförderung neutrale Stadtverwaltung nicht ein. Die Politik wird das zur Kenntnis nehmen und dann bei nĂ€chster Gelegenheit etwas von Radverkehrsförderung erzĂ€hlen. Gut, die GrĂŒnen werden vielleicht sagen, dass sie das schon auch so sehen wĂŒrden.

Daher werde ich wohl zu der Sitzung am  04. 07. ab 16 Uhr gehen mĂŒssen, obwohl ich nicht kann, um ein paar Anmerkungen los zu werden. Habt ihr noch Argumente, wieso man Radverkehr gerade auch an den Engstellen berĂŒcksichtigen muss? Hat jemand zufĂ€llig mal berechnet, wie viele Autos weniger durchfahren können, wenn die ersten 3 Sekunden der GrĂŒnphase nur fĂŒr den Radverkehr sind und man berĂŒcksichtigt, dass die Autos dann ja schneller starten werden, weil sie ja eine VorankĂŒndigung fĂŒr „ihr“ GrĂŒn bekommen?

Update 27. 06. 2017 15:29.
Es wurde der Satz zum Leitbild der verkehrsgerechten Stadt ergÀnzt.

1 Schmucki, Barbara: Der Traum vom Verkehrsfluss. StÀdtische Verkehrsplanung seit 1945 im deutsch-deutschen Vergleich; BeitrÀge zur Historischen Verkehrsforschung 4; Frankfurt/New York: Campus, S. 90.

Norbert Paul

Norbert Paul ist per PGP-SchlĂŒssel erreichbar (Testphase) ĂŒber die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

3 Gedanken zu „Autostauvermeidung hat Vorrang vor Radverkehrssicherheit und Radverkehr darf nichts kosten in Dortmund

  • 27.06.2017 um 12:35
    Permalink

    Die Warnbaken sind Hinweise fĂŒr Radfahrer, dass man dort nicht fahren kann, sondern links davon auf der Fahrbahn. Sie sollten allerdings mehr mittig im Streifen stehen. Gullis, EngĂŒberholer und Dooringzonen sind auf solch schmalen „Schutzstreifen“ gefĂ€hrlich. Solche GefĂ€hrdungsstreifen gehören ĂŒberall gesperrt.

    Antwort
  • 27.06.2017 um 21:45
    Permalink

    Mit den Satz:
    „Ich darf in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass die seit Jahren praktizierte Regelung nach Auswertung der Unfallstatistik bisher zu keinen UnfĂ€llen mit Radfahrerbeteiligung gefĂŒhrt hat und auch aus diesem Blickwinkel als verkehrssicher angesehen wird.“
    Hat der zustĂ€ndige Dezernent Herr LĂŒrwer doch gerade 2/3tel aller in Dortmund angeordneten RwBPfl fĂŒr nichtig erklĂ€rt. Oder tĂ€usche ich mich?

    Antwort
    • 28.06.2017 um 1:01
      Permalink

      Nee, in der Logik hat die sich ja bewÀhrt, da es keine UnfallhÀufung gibt. Ob das daran liegt, dass die Leute da nicht fahren, ist eine Frage, die man dann nicht stellt. :-)

      Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.