Liebling, ich habe den Schutzstreifen geschrumpft!

Es h├Ątte so sch├Ân sein k├Ânnen. Frischer Asphalt ohne Gef├Ąhrdungsstreifen im Februar. (Foto: Peter)

Schlechten Filmen aus den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts kann man leicht aus dem Weg gehen. Bei den gerade frisch markierten Schutzstreifen auf der Meinbergstra├če (und der Kohlsiepenstra├če) ist das nicht so einfach. Denn die Strecke ist ja schon die Ausweichstrecke f├╝r alle, die sich die Konflikte am Phoenixsee nicht antun wollen, wo durch eine Reihe von fragw├╝rdigen Entscheidungen das Konfliktpotenzial weit ├╝ber dem unvermeidlichen Ma├č liegt.
Weitere brauchbare Ausweichstrecken ohne gr├Â├čere Umwege gibt es nicht.

Aber der Reihe nach. Die Meinbergstra├če war schon l├Ąnger in einem schlechten Zustand. Die Arbeiten f├╝r den Bau den Phoenixsees und der umliegenden Bebauung haben ihr dann den Rest gegeben. Auf einigen besonders ├╝blen Abschnitten f├╝hlte man sich schon fast wie auf einem Dortmunder Radweg.

Darum gab es den Beschluss, die Stra├če auszubauen und die Fahrbahndecke zu erneuern. Sehr gut. Und den Beschluss, „Schutzstreifen f├╝r Radfahrer von je 1,50m Breite“ abzumarkieren. Weniger gut, denn der Schutzstreifen verl├Ąuft abschnittsweise im T├╝rbereich parkender Autos, so dass die Gefahr pl├Âtzlich ge├Âffneter T├╝ren besteht.

Wenn man die Breite einer Autot├╝r (bis 1,13m ab Spiegel bzw. bis 1,28m ab Karosserie), eines Fahrradlenkers (bis 65cm) und vielleicht noch eine Schwankungsbreite von zwanzig Zentimetern ansetzt, sieht man schnell, dass man auf einem solch schmalen Streifen den Gefahrenbereich nicht verlassen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass ├╝berholende Autos sich an der Linie orientieren, statt den gebotenen Abstand von 1,5m zu halten. So wird der Radverkehr von beiden Seiten in die Mangel genommen und hat statt der eigentlich n├Âtigen 2,8m Sicherheitsabstand (1,3m nach rechts und 1,5m nach links) vielleicht 90cm (Streifenbreite minus eigene Breite), die er auf die rechte und die linke Seite verteilen muss.

Leider sind solche „L├Âsungen“ nach den „Empfehlungen f├╝r Radverkehrsanlagen“ (ERA) bei „wenigen Parkvorg├Ąngen“ noch zul├Ąssig, aber die Kritik an dieser Regelung ist so laut, dass sie hoffentlich bei der n├Ąchsten ├ťberarbeitung der Empfehlungen gestrichen wird.

Schmale Schutzstreifen sind ein Sicherheitsrisiko

Diese Hoffnung wird auch durch eine Untersuchung aus ├ľsterreich gest├╝tzt, die mit Videobeobachtungen und Interviews die Situation des Radverkehrs neben parkenden Fahrzeugen ergr├╝ndet hat.

Ergebnis:

  • Drei Viertel aller Radfahrenden fahren innerhalb der T├╝rzone.
  • Bei 80 % der ├ťberholvorg├Ąnge wird der erforderliche Sicherheitsabstand nicht eingehalten.
  • L├Ąngsmarkierungen bewirken eine Zonierung der Fahrbahn, mit folgenden Effekten:
    – Radfahrende fahren in der Mitte ÔÇ×ihres FahrstreifensÔÇť und werden durch T├╝runf├Ąlle gef├Ąhrdet
    – Dem Kraftverkehr wird ausreichend Platz f├╝r ein scheinbar sicheres ├ťberholen signalisiert
  • Drei Viertel der interviewten Radfahrenden geben an, schon einmal in einen Unfall oder eine kritische Situation mit einer pl├Âtzlich aufgehenden Fahrzeugt├╝r verwickelt worden zu sein.

Speziell zu Schutzstreifen (in ├ľsterreich: Mehrzweckstreifen1) gibt es in der Untersuchung einige wunderbar eindeutige Aussagen:

  • Bei einer Breite des Mehrzweckstreifens von 1,5m bewegen sich Radfahrende unweigerlich in der T├╝rzone
  • Eine Breite des Mehrzweckstreifens von 1,75 m erm├Âglicht Radfahrenden gerade noch das Fahren au├čerhalb der T├╝rzone
  • Die Zonierung der Fahrbahn f├╝hrt zu ├ťberholman├Âvern mit deutlich zu geringem Sicherheitsabstand
  • Ein (schmaler) Mehrzweckstreifen ist ein Sicherheitsrisiko f├╝r Radfahrende

Mehr muss man zu 1,5m-Schutzstreifen neben parkenden Autos eigentlich nicht sagen.

Ein Zollstocksegment sind 20cm. 82cm befahrbare Breite. Einschlie├člich Gosse 114cm. Vollst├Ąndig im T├╝rbereich gef├╝hrt. (Foto: Peter)

Schrumpfstreifen

Zur├╝ck an den Phoenixsee. Schutzstreifen in der Breite von 1,5m sollten also vermieden werden, und darum ist es zun├Ąchst einmal eine gute Nachricht, dass die Pl├Ąne bei den derzeit laufenden Markierungsarbeiten in der Meinbergstra├če nicht umgesetzt wurden. Aber leider ├╝berrascht dich Dortmund in Sachen Radverkehr nur sehr selten positiv: Es wurden noch nicht einmal die in den Gremien beschlossenen und in einer Pressemeldung2 noch zu Baubeginn ausdr├╝cklich best├Ątigten 1,50m markiert, sondern nur 82-94cm (f├╝nf Messungen, Mittelwert 89cm). Neben parkenden Autos!

Wie die Differenz entsteht, l├Ąsst sich recht gut herleiten: Der Rinnstein wurde entgegen den Empfehlungen der ERA dem Schutzstreifen zugerechnet (Differenz: 32cm), die Linie (Zeichen 340) wurde entgegen den Vorgaben der ERA nicht h├Ąlftig, sondern voll dem Schutzstreifen zugerechnet (Differenz: 6cm), und als Basisbreite wurde mit 1,25m statt 1,5m gearbeitet (Differenz: 25cm). Selbst, wenn es in Dortmund gewollt ist, den Radverkehr in die Gosse zu schicken und Gullydeckel und Rinnstein dem Schutzstreifen zuzurechnen, sind das ca. 30cm weniger als die geplante Breite von 1,5m, die bereits zu schmal ist, um zu funktionieren. (Breite einschl. Rinnstein/Gullydeckel: 114-126cm, Mittelwert 121cm).

Wo Autos parken, verl├Ąuft der Schutzstreifen vollst├Ąndig in dem Bereich, in dem Radfahrende wegen der Gefahr ge├Âffneter T├╝ren nichts zu suchen haben. Dass vergessen wurde, die Parkpl├Ątze nur f├╝r Pkw zuzulassen, spielt eigentlich keine Rolle mehr, denn bei dieser Breite ist der Streifen auch dann unbenutzbar, wenn dort nur Pkw parken.

Wir haben bei der Stadt nachgefragt und werden berichten, was da passiert ist und wie das Problem gel├Âst werden soll.

Die Schmalheit variiert. Der Mittelwert liegt bei 89 cm. Ein Zollstocksegment sind 20cm. (Foto: Peter)

Spekulationen

Eine Antwort haben wir noch nicht, so dass wir nur vermuten k├Ânnen. Neben einem Fehler der Markierungsfirma w├Ąre denkbar, dass es bei der Zusammenarbeit mit den Stadtwerken DSW21 zu Fehlern gekommen ist. DSW21/Phoenix See Entwicklungsgesellschaft hat aus dem Erschlie├čungsvertrag Phoenix See noch die Verpflichtung, entlang der Kohlensiepenstra├če/Meinbergstra├če einen Parkstreifen und einen Gehweg zu erstellen und zu finanzieren. Um die Einsparpotentiale einer deutlich gr├Â├čeren Bauma├čnahme nutzen zu k├Ânnen, hat man zusammengearbeitet und DSW21 die Gesamtausf├╝hrung ├╝bernommen. Da k├Ânnte in der Kommunikation etwas schief gelaufen sein.

Wahrscheinlicher ist, dass der Grund bei der neuen Busverbindung liegt, die dort auf Anregung der Bezirksvertretungen H├Ârde und Aplerbeck verlaufen wird. Da sie erst nachtr├Ąglich eingeplant wurde, ist m├Âglicherweise jemand auf die Idee gekommen, dass eine Kernfahrbahn von 4,5m f├╝r den Begegnungsfall von Linienbussen nicht gerade ├╝ppig ist ÔÇô um dann ein wenig an den Schutzstreifen zu knabbern. Da h├Ątten wir dann wieder den klassischen Fall: Man beginnt mit Mindestma├čen, die so gering sind, dass sie eigentlich nicht funktionieren k├Ânnen, anschlie├čend werden zus├Ątzlich Zielkonflikte zulasten des Radverkehrs gel├Âst, weil man ja auch mal Kompromisse machen muss, und keiner der planenden Autofahrer versteht, dass der Nutzen der Radinfrastruktur l├Ąngst gekippt ist und das Ergebnis dramatisch viel schlechter ist, als wenn man gar nichts f├╝r den Radverkehr geplant h├Ątte.

Stattdessen wird von „L├╝ckenschluss“ geredet.

„Gesamtfahrbahnbreite von 7,5m, von der noch beidseitig Schutzstreifen f├╝r Radfahrer von je 1,5m Breite abmarkiert werden.“ Beschluss des Finanzauschusses. (Foto: Peter)

Reiner Mischverkehr bei Tempo 50 ist eine schlechte L├Âsung, weil man damit weite Teile der Bev├Âlkerung vom Radverkehr ausschlie├čt ÔÇô aber schmale Gef├Ąhrdungsstreifen im T├╝rbereich parkender Autos sind noch viel schlimmer. Im Fall der Meinbergstra├če w├Ąre reiner Mischverkehr ohne Pinseleien sogar relativ unproblematisch, weil das Verkehrsaufkommen so niedrig ist, dass man sich fragt, warum man die Stra├če nicht aus dem Vorbehaltsnetz herausgenommen und als Tempo-30-Zone ausgebaut hat.

Aber das ist alles Spekulation. Wenn wir eine Antwort ├╝ber die tats├Ąchlichen Hintergr├╝nde haben, werden wir berichten.

Platz ist in der kleinsten H├╝tte. Noch nicht einmal auf Pkw wurde das Parken beschr├Ąnkt. (Foto: Peter)
Adip├Âse Kraftfahrzeuge quellen in den Schutzstreifen. Der Radverkehr m├╝sste vollst├Ąndig im T├╝rbereich fahren. Noch nicht einmal die kl├Ąglichen 114cm sind nutzbar. Vorschlag: Fahrradpiktogramme links der Linie anbringen. (Foto: Peter)
Selbst bei einem Kleinwagen ragt der Spiegel in den Schutzstreifen. W├╝rde er extrem rechts parken, k├Ânnte er das gerade so verhindern. Der kreative Versuch, einen Teil der Parkbox zum Sicherheitsraum umzudeuten, scheitert bereits bei einem Kleinwagen krachend. (Foto: Peter)

1 ├ľsterreichische Mehrzweckstreifen entsprechen im Wesentlichen den deutschen Schutzstreifen, mit dem Unterschied, dass Mindest- und Regelbreite dort 25cm h├Âher sind (1,5m statt 1,25m bzw. 1,75m statt 1,5m).

2 Pressemeldung Stadt Dortmund vom 9.12.2016 „Hergestellt wird eine 7,50 Meter breite Stra├če, deren Fahrbahn wegen der beidseitigen jeweils 1,50 Meter breiten Radfahrstreifen auf 4,50 Meter verengt ist.“ Der Begriff Radfahrstreifen ist nat├╝rlich falsch, es geht um Schutzstreifen. Irgendwo zwischen Pressemeldung und Markierung muss eine gr├Â├čere Dosis elektromagnetischer Schrumpfstrahlen zum Einsatz gekommen sein.

Peter Fricke

Peter aus Dortmund schreibt mit der Absicht, auch von jenseits der Stadtgrenzen zu berichten. Interessiert sich f├╝r Infrastruktur und die Frage, wie man des Rad als Verkehrsmittel f├╝r die gro├če Mehrheit attraktiv machen kann. Ist leider nicht in der Lage, mit Falschparkern auf Radverkehrsanlagen gelassen umzugehen. Per E-Mail erreichbar unter peter.fricke, dann folgt das ├╝bliche Zeichen f├╝r E-Mails, und dann velocityruhr.net.

8 Gedanken zu „Liebling, ich habe den Schutzstreifen geschrumpft!

  • Pingback: links vom 11.06.2018 | endorphenium

  • 11.06.2018 um 11:17
    Permalink

    Ob es daf├╝r F├Ârdermittel des Landes gibt, dass die dann hinterher als Radverkehrsf├Ârderung des Landes verkauft?

    Antwort
    • 11.06.2018 um 11:43
      Permalink

      Nein. Von dem, was nicht von DSW21 gezahlt wird, zahlen 20% des umlagef├Ąhigen Aufwands die Anlieger nach Kommunalabgabengesetz und 80% die Stadt. W├Ąren F├Ârdermittel geflossen, h├Ątten sie abh├Ąngig vom F├Ârdertopf wegen Missachtung der ERA ggf. zur├╝ckgezahlt werden m├╝ssen.

      Antwort
      • 11.06.2018 um 11:51
        Permalink

        F├╝r ihren Anteil kann die Stadt doch F├Ârdermittel beantragen, oder nicht?

        Antwort
        • 11.06.2018 um 12:09
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          Hat sie aber nicht, das kann man der Vorlage f├╝r den Finanzausschuss entnehmen. Alles Weitere per Mail, wir sollten die Leser nicht mit solchen technischen Details langweilen. Das Wesentliche ist unkompliziert: Die Schrumpfstreifen sind unbenutzbar, da muss eine L├Âsung her.

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          • 11.06.2018 um 14:22
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            Ok. Ich habe keinen weiteren Kl├Ąrungsbedarf dann.

            Bei den von dir gemessenen Breiten stimme ich beim Fazit komplett mit dir ├╝berein.

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  • 18.01.2020 um 17:47
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    80cm breiter Schutzstreifen ?
    Das geht noch besser . In Hamm haben wir eine Stra├če da ist der Schutzstreifen 60 cm breit .
    Deutschland gl├╝cklich Autoland

    Antwort
    • 18.01.2020 um 18:27
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      Gef├╝hlt oder tats├Ąchlich gemessen? Wenn das tats├Ąchlich gemessen ist, ist das ein Kandidat f├╝rs Guinnessbuch der Rekorde. :-)

      Antwort

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