Bullshitplanung nach Art der FGSV und der Stadtverwaltung Dortmund

Symbolbild zur Lage des Radverkehrs (Foto: Norbert Paul)
Symbolbild zur Lage des Radverkehrs (Foto: Norbert Paul)

Die FGSV hat in der RASt 06 eine Regelung1, die sich die Stadtverwaltung Dortmund zunutze macht um unnötige Gefahrenlagen unter dem Deckmantel der Radverkehrsförderung zu planen.2:

Bei angrenzenden Parkständen soll die Fläche für den Radverkehr einschließlich des Sicherheitsabstands zu parkenden Fahrzeugen 1,75 m betragen; dies ist mit einem Schutzstreifen mit 1,50 m Breite neben 2,00 m breiten Parkständen in der Regel gewährleistet.

Handelsübliche Fahrräder und Fahrradanhänger sind gemäß FGSV 0,60 bis 1,00 Meter breit.3 Zu parkenden Autos soll man nach der amtlichen Empfehlung des Bundesverkehrsministeriums mindestens 1,00 Meter Abstand halten, was man aufgrund der Mithaftung bei Unfällen durch sich öffnende Türen unbedingt einhalten muss.4 Unter der völlig sinnfreien Annahme, dass ein Fahrrad zu 100 % in der Spur bleibt, sind die 1,75 Meter also gerade ausreichend, wenn man kein dreirädiges Fahrrad fährt oder eine Hänger nutzt. Das Problem, dass man ganz links auf den „Schutz“streifen fährt und viel zu dicht überholt wird, lassen wir an der Stelle beiseite. Wenn man der Rechnung folgt, müssten von den 2 Meter Parkstreifen mindestens 0,25 Meter frei sein als Sicherheitsraum. Entscheidend ist dem Wesen eines Schutzabstandes nach, dass er an der Stelle des geringsten Abstandes gemessen wird. Nach allgemeiner Erkenntnis dürfte dies bei parkenden Autos in Höhe des Autospiegel der Fall sein.

Hinzu kommt, dass man technisch gesehen gar nicht mit 0,00 Meter Abstand zum Bordstein parken kann. Verbindliche Angaben, wie dicht zu parken ist, gibt es nicht. In der Fahrprüfung werden aber bis zu 0,30 Meter akzeptiert.5 In diesem Abstand befindet sich bei einem PKW auch der Spiegel. Ziehen wir also diese 0,30 Meter und pauschal 0,20 Meter für den Außenspiegel auf der Fahrbahnseite ab, bleiben für die eigentliche Breite des Autos 1,25 Meter. Das schmalste Auto auf der ADAC-Breitenliste ist mit 1,75 Meter der Smart.6 Selbst wenn man der Verwaltung der Stadt Dortmund folgt und so tut, als ob es die Spiegel nicht gäbe und nur den notwendigen Abstand zum Bordstein von 0,30 Meter berücksichtigt, bräuchte man ein Auto, dass nur 1,55 Meter breit wäre. Die meisten Autos sind auch ohne Spiegel breiter. 7

Also rechen wir erneut: 2,28 Meter (größte Breite aus der ADAC-Liste wegen der immer höheren Werte bei der Breite bei den Autos; Sprinter und Co sind noch nicht einmal enthalten in der Übersicht) + 0,30 Meter sind abgerundet 2,55 Meter Platzbedarf statt 1,75 Meter für das Auto. Eine Differenz von 0,80 Metern. Das ist in etwa die Breite des Fahrrades bzw. fast die Hälfte des Schutzstreifens inkl. Sicherheitsraumes.

Kommentar
Wenn Menschen, so der Philosoph Harry G. Frankfurt8, sich gedrängt sehen, sich über Gegenstände aus lassen zu müssen, von denen sie wenig Ahnung haben, entstehe eine Diskrepanz zwischen relevanten Tatsachen und eigenem Wissensstand, die die Produktion von Bullshit unvermeidbar macht. Bullshit sind Behauptungen, die den Anspruch erheben, die Wirklichkeit zu beschreiben ohne dass der Urheber noch daran glaubt, dass mache Aussagen falsch oder richtig sein könnten. Übersetzt: Wer Radinfrastruktur plant, muss ernsthaft annehmen, dass nicht alles gut sein kann was Radinfrastruktur heißt. Schutzstreifen gehören wie die Ideologie der autogerechten Stadt in den Giftschrank der Verkehrsplanung und nicht in unsere Städte. Wenn man es nicht mehr für möglich hält, dass die Planung unsinnig sein könnte, dann ist es folglich Bullshit-Planung, die richtig sein kann oder auch nicht. Aber diese Frage stellt man sich nicht. Hier wurde bei der Planung offensichtlich nicht danach gefragt, ob die Planung irgendwie zu einem guten Ergebnis führen kann. Hauptsache man plant irgendetwas für den Radverkehr und Parkplätze ohne sich mit Politik und Öffentlichkeit auseinander zu setzen, weil es faktisch eine Entscheidung bräuchte zwischen Abstellen privater Gegenstände im Straßenraum und stadtverträglicher Mobilität. Wenn jemand alleine danach fragt, ob eine Behauptung (hier: Planung) ihm in den Kram passt (also man hier möglichst wenig Stress haben will) oder nicht, kann, so der Philosoph9, bei ihm unter dem Einfluss des Bullshiten die Wahrnehmung der Realität leiden oder verloren gehen. Vulgo: Plant die Stadt ohne ausreichendes Fach- und in Dortmund vor allem Erfahrungswissen, kommt Planung heraus, die frei von der Frage entsteht, ob sie für die Förderung des Radverkehrs sinnvoll ist oder nicht.

1 Baier, Reinhold; Eilrich, Wolfgang; Haller, Wolfgang; Heinz, Harald; Lentz, Dieter; Lerner, Markus; Maier, Reinhold; Manns, Franz-Josef; Müller-Ettler, Martin; Nikolaus, Helmut; Seyboth, Arne; Silvanus, Manfred; Steinbrecher, Jürgen; Topp, Hartmut; Alrutz, Dankmar 2007: Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen, Köln: FGSV-Verlag S. 83.
2 Paul, Norbert 2016: Tiefbauamt Dortmund erklärt Entscheidung, velocityruhr.net/blog/2016/09/03/tiefbauamt-entscheidung.
3 Wöbbeking, Jens; Bohle, Wolfgang; Mertens-Boden, Birgit; Petry, Uwe; Wiebusch-Wothge, Rainer; Zöttl, Frank 2012: Hinweise zum Fahrradparken, Köln: FGSV-Verlag, S. 16.
4 Kettler, Dietmar 32013: Recht für Radfahrer, Berlin: Rhombos, S. 23.
5 Richtlinie für die Prüfung der Bewerber um eine Erlaubnis zum Führen von Kraftfahrzeugen (Prüfungsrichtlinie) vom 03.04.2012 (VkBI. S.271), www.fahrerlaubnisrecht.de/FeV%20neu/Verlinkungen/Pr%FCfungsrichtlinie.pdf, Nr. 2.3.2.2.2.
6 ADAC (Hg.) o. J.: Die meisten Autos sind zu breit; www.adac.de/_mmm/pdf/920_Fahrzeugbreiten_1_211035.pdf.
7 o. V. o. J.: o. T., www.madh.de/Fahrzeugbreite%20ADAC.pdf.
8 Frankfurt, Harry G. 2006: Bullshit, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 69-71.
9 Frankfurt a. a. O., S. 67-68

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er als Kooperationspartner von VeloCityRuhr über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund. Er ist per PGP-Schlüssel erreichbar (Testphase) über die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

3 Gedanken zu „Bullshitplanung nach Art der FGSV und der Stadtverwaltung Dortmund

  • 03.10.2016 um 21:38
    Permalink

    Ist es nicht vielmehr so:
    Niemand hat die Absicht den Radverkehr zu fördern! Das ist alles nur velocipistische Propaganda.

    Antwort
    • 03.10.2016 um 23:25
      Permalink

      Die AGFS sagt über sich selber:

      Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft verstehen sich also nicht nur als „fußgänger- und fahrradfreundlich“, sondern darüber hinaus als Modellstädte für eine zukunftsfähige, ökologisch sinnvolle und stadtverträgliche Mobilität und unterstützen alle Maßnahmen, die die Städte als Lebensraum stärken – fahrradfreundlich und mehr.

      Antwort
  • 04.10.2016 um 19:50
    Permalink

    Sag ich doch, alles velocipistische Propaganda! Wie im Szialismus, der sich ja auch als Modell des besseren Menschen verstand. Potemkin feiert hoffentlich rauschende Feste im Himmel…

    Antwort

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