Perlentauchen

Wird es im Ruhrgebiet bald auch selbstgezüchtete Radverkehrsperlen geben? - Symbolbild Zuchtperle (Foto: Dinkum unter CC0-Lizenz via Wikimedia Commons)
Wird es im Ruhrgebiet bald auch selbstgezüchtete Radverkehrsperlen geben? – Symbolbild Zuchtperle (Foto: Dinkum unter CC0-Lizenz via Wikimedia Commons)

Wir wollen ja hier auch über die positiven Sachen berichten. Uns geht es da wie Bas Bergervoet:

Als ich mit diesem Blog anfing, hatte ich mir fest vorgenommen auch über positive Beispiele zu berichten. Ich möchte ja nicht immer nur meckern und zeigen was schief läuft (das ist ja viiiiiieel zu einfach 😉 ), sondern auch berichten, wenn etwas gut gelungen ist.

Nur gibt es da ein Problem, dass Bas Bergervoet für Würzburg wunderbar ausdrückt:

Radfahren in Würzburg ist für mich ab und zu wie Perlentauchen. Ich suche nach guten Beispielen und nur selten finde ich eins.

Einfach statt Würzburg eine Ruhrgebietsstadt einsetzen und fertig ist die Problembeschreibung. In einem weiteren Beitrag stoße ich auf eine Link zu dem Winter-Radverkehrsrouten der Stadt Würzburg. Eine Sache, auf die wir hier in Dortmund seit Jahren warten. Und es gibt, wie von mir gefordert, eine Flyer, der sich leider zu sehr an den Interessen der Insider orientiert, indem z. B. die Zuständigkeit dargestellt wird.

Auf der Webseite entdecke ich dann auch noch, dass für den dortigen Radverkehrsbeirat Protokoll und Folien online verfügbar sind. In Dortmund wird man als Bürger*in da höchstens über Akteneinsicht nach IFG dran kommen. Weiter findet man dort eine Stellplatzsatzung mit Regelungen zum Radabstellen. Gibt es in Dortmund nicht, ebenso wenig wie ein Punkt Aktuelles.

Manchmal kann man also auch auf Webseiten nach Perlen tauchen, wobei das jetzt eher dem Tauchen nach Kunstperlen entspricht, denn fahrradfreundliche Städte kann man nur mit echten Perlen beeindrucken, um gegenüber den Ruhrgebietsstädten gut dazu stehen, dafür reicht es aber aus.  Trotz aller Probleme verändert sich doch langsam was. sonst würden Journalisten nicht anfangen Entfernungen nicht mehr in Autominuten anzugeben.

Wenn nur wieder das entsteht, was wir bei Zeit Online gut finden, müssen wir kein neues Projekt ausgründen und 20 Fahrradminuten entfernt ansiedeln.

Ob es auch eine Perle aus den Weiten des Webs ist, dass nun wissenschaftliche belegt ist, dass Radfahrer schlanker sind?

People who drive cars as their main form of transport are on average heavier than those who cycle, a new study says. The EU-funded PASTA project […] is studying how different forms of transport relate to levels of physical activity, and consequently people’s health. PASTA researchers monitored 11,000 volunteers in seven European cities and asked how they move around the city, which mode of transport they use and how much time they spend travelling. The project also asked volunteers to record their height, weight, and to provide information about their attitudes towards walking and bicycling and whether they experienced any accidents recently. An analysis of the data shows that those people who drove cars were on average 4 kilograms heavier than those who cycled.

Und wo wir schon dabei sind, dass naheliegendes wissenschaftlich beweisen worden sein soll:

The health benefits of physical activity from cycling using the bicycle sharing scheme (Bicing) in Barcelona, Spain, were large compared with the risks from inhalation of air pollutants and road traffic incidents.

Auch für Freunde psychologischer Ministudien gibt es auch noch ein Ergebnis:

Der Psychologe Hendrik Mothes vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Freiburg hat mit seinem Team in einer Studie belegt, dass die Probandinnen und Probanden sowohl psychisch als auch neurophysiologisch mehr von dem Training profitierten, die bereits eine positive Erwartungshaltung gegenüber Sport hatten. Außerdem haben die Forscher nachgewiesen, dass eine positive oder negative Beeinflussung der Probanden vor dem Training ebenfalls einen Unterschied ausmacht. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Journal of Behavioral Medicine“ erschienen.

Es spricht also aller Infrastruktur zum trotz alles für das Radfahren. Wissenschaftlich belegt natürlich. ;-)

Als allerletztes noch eine ganz andere Perle in Form eines Zitates des niederländischen Blogautors über ein Fakt, der in deutschen Debatten ein wenig kurz kommt:

Übrigens gibt es auch in den Niederlanden regelmäßig Rad- oder Schutzstreifen.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund. Er ist per PGP-Schlüssel erreichbar (Testphase) über die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

4 Gedanken zu „Perlentauchen

  • 12.08.2016 um 18:07
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    Damit auch wirklich nichts „ein wenig kurz kommt“, setze ich das Zitat mal in seinen Zusammenhang:

    Ich verstehe sehr gut, dass Rad- und Schutzstreifen viel schneller die Sicherheit und Sichtbarkeit des deutschen Radverkehrs erhöhen können, vor allem im Vergleich zur derzeitigen Infrastruktur. Mehr von solchen Lösungen würde einiges voranbringen, ich finde das noch immer eher eine Übergangslösung, die vermutlich nicht massentauglich ist (muss man natürlich sehen…). Übrigens gibt es auch in den Niederlanden regelmäßig Rad- oder Schutzstreifen. Vor allem an engen Stellen, außerorts oder an Stellen mit weniger/langsamen Autoverkehr (30 km/h).

    Wenn zwei scheinbar das Gleiche tun, ist es also noch nicht dasselbe. An engen Stellen, außerorts (ohne Längsparker!) oder an Stellen mit weniger/langsamem Autoverkehr (30 km/h). Dazu eine Mindestbreite von 1,50 m (Deutschland: 1,25 m) und eine Regelbreite von 1,70m (Deutschland: 1,50 m) für Schutzstreifen und nicht wie in Deutschland den Reflex, Mindestbreiten fast immer als Maximalbreiten zu behandeln. Also breite Streifen an verträglichen Stellen statt wie in D schmale Alibilösungen an beliebigen Stellen, sobald der Kfz-Verkehr für funktionierende Lösungen Flächen abgeben müsste. Kein Wunder, dass das in den NL im Ergebnis schon weitaus besser ist. Und trotzdem entfernt man dort die Streifen zugunsten echter Infrastruktur, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

    Man vergleiche die Überholabstände vorher und nachher – das kann für Einsteiger und die große Gruppe mit geringer Blechtoleranz den entscheidenden Unterschied machen. Und man schaue sich an, was für einen Streifen man da für „nicht gut genug“ befunden hat: Wenig Verkehr, keine Längspärker, und trotzdem ersetzt man das Ding. Zum Vergleich eine Stelle, an der Dortmund keinen Handlungsbedarf sieht: Mindestens drei mal so viel Verkehr, Längsparker und unbenutzbar schmal im Türbereich geführt.

    So schwer ist das wirklich nicht zu verstehen, warum der Radverksanteil in NL so dramatisch viel höher liegt.

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    • 12.08.2016 um 19:28
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      Ich halte es für wenig weiterbringend, wenn die Grundsatzdebatte sich auf Gegenüberstellung von Einzelfällen und den Reden von den gänzlich anderen Niederlanden beschränkt. Ich bezweifle, dass die NL so völlig anders sind. Was aber auch heißt, dass DO in 20-30 Jahren 20 % Und mehr Radverkehrsanteil haben könnte, wenn es denn wollte.

      Der im Video gezeigten Lösung liegt die Entscheidung zugrunde, dass der/die Langsamste das Tempo bestimmt. Weder möchte ich jetzt hinter langsamen herzuckeln wenn ich es eilig habe noch mag ich es, wenn ich mich gedrängt fühle schneller zu fahren, weil ich jemanden aufhalte. Da wird bestimmt immer knapp überholt. Spätestens bei einem Lastenrad, Trike etc. kein sinnvolles unterfangen mehr.

      Wo sind eigentlich die Radfahrer*innen in dem Video? Ich sehe nur Autos.

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      • 14.08.2016 um 1:04
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        Du siehst in den Überholvorgängen zwischen Radfahrern auf einem Weg, den ich für breit genug halte, ein großes Problem. Ich sehe ein weitaus größeres Problem in den absurd niedrigen Abständen, mit denen tonnenschwere Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit Radfahrer auf Pinsellösungen in Ruhrgebietsqualität überholen. So unterschiedlich können die Prioritäten also sein… ;-)

        Antwort
        • 14.08.2016 um 13:17
          Permalink

          Das ist ein Problem mit größerer Tragweite, ja. Aber auf max. 2 Meter jemand überholen finde ich in keiner der beiden Rollen angenehm.

          Antwort

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