Erste Zähldaten aus Bochum veröffentlicht

Ein wenig unheimlich ist es schon, dass wir Bochum schon wieder loben müssen, nachdem uns erst vor wenigen Tagen die Meldeaktion für durchlässige Sackgassen einen positiven Bericht wert war. Das neue AGFS-Mitglied zählt seit diesem Jahr ganz mutig nicht an einer belebten Innenstadtkreuzung sondern irgendwo zwischen Herne und Bochum den Radverkehr auf den Radwegen. Obwohl es in den ersten Monaten nur gut 50 Radfahrer*innen pro Tag und Richtung im Durchschnitt waren, sind die minutenscharfen Rohdaten nun ebenso wie eine Auswertung online verfügbar. Wie bei den Zähldaten aus Essen überrascht auch hier, wie früh am Tag der Radverkehr einsetzt, was zeigt, wie wichtig es ist, dass der Winterdienst um 5 Uhr fertig sein muss und nicht am nächsten Tag Nachmittags erfolgt, wie es in Dortmund ist, wenn er nicht ganz ausfällt.

Wer substanziell etwas verändern muss, braucht eine schonungslose Bestandsanalyse, die öffentlich zugänglich ist. Nur so kann man diskutieren ohne zu spekulieren. Damit überholt Bochum inzwischen Dortmund, dass bisher keine kontinuierliche Zählungen durchführt (und die Ergebnisse geheim hält), während andere Städte wie Basel inzwischen ein stadtweites Zählnetz haben für den Rad- und Fußverkehr, dessen Werte natürlich öffentlich sind. In Basel, das nur am Rande, hat man längst ein Modell entwickelt, dass den Wettereinfluss bereinigt, um langfristige Entwicklungen sichtbar zu machen.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund. Er ist per PGP-Schlüssel erreichbar (Testphase) über die E-Mail-Adresse norbert.paul@velocityruhr.net

17 Gedanken zu „Erste Zähldaten aus Bochum veröffentlicht

  • 27.07.2016 um 10:47
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    Zur Einordnung der Zahlen ist es auch noch hilfreich zu wissen, dass direkt unter der Herner Straße die U35 im 5-Minuten-Takt zwischen Herne und Bochumer Universität fährt. Daraus ergibt sich natürlich einiges an Konkurrenz zum Radverkehr.

    Weitere Zählstellen sollen möglichst folgen.

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    • 27.07.2016 um 11:06
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      Umso ehrlicher ist es, so eine Stelle auszuwählen … Ich find’s gut. :-)

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      • 27.07.2016 um 19:28
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        Das ist schon eine zweischneidige Sache. Natürlich wollen wir Fakten haben. Aber in Städten wie den Ruhrbebietsstädten, wo die Radverkehrsförderung bisher weitestgehend erfolglos war, kann das Veröffentlichen solcher Zahlen auch gewaltig nach hinten losgehen. In den falschen Händen können solch ernüchternde Zahlen durchaus einiges Unheil anrichten. Wenn z.B. an einer stark befahrenen Straße Flächen umverteilt werden sollen, ist es nicht sehr günstig, wenn die Gegenseite sich für Aussagen vom Typ „Stau für 25.000 Autofahrer wegen 200 Radfahrern!“ auch noch auf harte Daten statt unbelegbare Schätzungen stützen kann.

        Natürlich kann man darauf klug antworten. Aber da die Antwort nicht in einen Halbsatz oder eine Schlagzeile passt, besteht die Gefahr, dass sie in einer aufgeheizten Diskussion untergeht. Und die Fehlentscheidung Bergstraße läßt mich vermuten, dass in Bochum die Bereitschaft, richtige Entscheidungen auch gegen heftigen Widerstand durchzusetzen, nicht in jedem Fall vorhanden ist.

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        • 27.07.2016 um 19:40
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          Da habe ich auch dran gedacht, aber den Autosozialchristdemokraten interessiert im Ruhrgebiet beim Radverkehr eh keine Fakten …

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  • 27.07.2016 um 21:57
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    Spätestens, wenn der Medienzirkus berichtet, macht es schon einen Unterschied, ob es sich um Meinungen/Schätzungen oder um überprüfbare Fakten handelt. Wenn Betonkopf X aus Partei Y gegen Maßnahme Z hetzt, weil er der Meinung ist, da würden nach der vermeintlich stauproduzierenden Umgestaltung nur 200 Radfahrer fahren, wird das als Meinung behandelt. Wenn in vergleichbaren Fällen tatsächlich nachweislich nur 200 Radler unterwegs sind, hat das ein ganz anderes Gewicht und wird auch entsprechend berichtet. Und solange die Qualität der Infrastruktur dazu führt, dass die große Mehrheit das Auto für unverzichtbar hält, wird eine Zahlenpaar wie 25.000 zu 200 auch seine Wirkung erzielen. Und es wird keine positive Wirkung sein.

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    • 28.07.2016 um 12:41
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      Wenn die Zahlen niedrig sind, wird das mit dem „Fahrradfreundlich“ zu einer peinlichen Sache und dann stehen Politik und die Verwaltung u. U. auch schlecht da, wenn nicht gerade die Autofahrerrundfunkanstalt aus Köln berichtet.

      Bist du also gegen zählen?

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      • 28.07.2016 um 22:42
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        Nicht gegen Zählen, aber jeweils für ein sorgfältiges Abwägen der möglichen Vor- und Nachteile einer Veröffentlichung. Wenn Köln für die probeweise Sperrung der Zülpicher Straße für Kfz auf werktäglich 5.500 Radfahrer, sehr viele Fußgänger und nur 5.000 Kfz verweisen kann, überwiegen die Vorteile natürlich klar. Wenn Essen den Erfolg der Bahntrassen mit Nutzerzahlen von immerhin 1000 bis 2000 belegen kann und die Presse anschließend positiv berichtet, überwiegen die Vorteile (auch wenn man für Rheinische Bahn/RS1 nur hoffen kann, dass keiner der Kritiker die Zahlen mit den Kfz-Zahlen auf einer beliebigen, stark befahrenen Hauptstraße vergleicht). Aber wenn man wie auf der Herner Straße sehr ernüchternde Zahlen für eine Hauptstraße bekommt und klar ist, dass noch viele kontroverse Diskussionen über Flächenumverteilungen an solchen Hauptstraßen zu führen sind, scheinen mir die Nachteile einer Veröffentlichung zu überwiegen, weil sie denen in die Hände spielt, die Radler auf Umwege in Nebenstraßen schicken wollen, wo sie nicht so stören.

        Die Zahlen können zukünftig natürlich trotzdem nützlich sein: Wenn Bochum nun anfängt zu klotzen statt weiter zu kleckern und dadurch der Radverkehrsanteil kräftig steigt, dann kann man anhand der heutigen, extrem niedrigen Zahlen in ein paar Jahren vielleicht sehr eindrucksvolle, dreistellige Steigerungsraten belegen, so dass dann die Vorteile einer Veröffentlichung überwiegen („Klotzen lohnt sich“).

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        • 29.07.2016 um 10:17
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          An nicht publizierte, aber gezählte Daten kommen Autopolitiker auch so dran, spätestens mit der Anfrage, ob Radverkehr gezählt wird und dann ist das Geschrei erst recht groß …

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          • 29.07.2016 um 19:30
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            Kommen Autopolitiker von allein auf die Idee, dass man sowas Unwichtiges wie Radler zählen könnte? Man muss es ihnen jedenfalls nicht extra unter die Nase reiben.

            Grundsätzlich hast du natürlich Recht, und darum halte ich es in Gegenden wie hier, wo der Radverkehr röchelnd am Boden liegt und nur noch gelegentlich zuckt, jedenfalls für ungeschickt, von Radlerseite aus Zählungen zu fordern. Wenn die Städte zählen wollen, dann ist es halt so, aber fordern würde ich das nicht, solange die Ergebnisse absehbar kläglich sind und Schaden anrichten können. Was passieren muss, wissen wir auch ohne Zahlen recht gut.

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            • 29.07.2016 um 21:20
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              Wo findet eigentlich die nächste CM in Bochum statt? Nur müsste sie diesmal auf dem Radweg fahren …

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              • 30.07.2016 um 7:14
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                Ja, das sähe in den Auswertungen schön aus. Ein auffälliger Peak am Ende des Tages macht was her. Bisher wurde den Daten nach wohl wirklich immer auf der Straße dran vorbeigefahren.

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                  • 30.07.2016 um 9:24
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                    Die CDU sei im Übrigen gar nicht grundsätzlich gegen Radwege, stellt Mitschke klar. „Auch ich glaube, dass das Fahrrad eine Zukunft hat. Wir sind aber für bedarfsgerechte Lösungen. Ein Rückbau von Straßen zu Gunsten von Radwegen lehnen wir ab.“

                    Arg.

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  • 01.08.2016 um 11:27
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    Solange die Kritik am Begriff „Anstieg“, der Hinweis auf die extrem niedrigen Zahlen im Vergleich zum Pkw-Verkehr und die Forderung nach Verdrängung in Nebenstraßen nur in Leserbriefen auftauchen, ist noch alles im grünen Bereich: Kein Erfolg.

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  • 11.08.2016 um 8:41
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    Man sollte mal auf der Erzbahn und dem Springorumradweg zählen, und anschließend auf der Bessemerstraße. Würde mich echt interessieren, was da morgens los ist (vor allem nächstes Jahr, wenn der Asphalt bis Gelsenkirchen reicht.

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  • 11.10.2016 um 6:50
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    Übrigens stehen die neuen Zähldaten aus Bochum jetzt im Internet. Bisher gibt es kaum Überraschungen: Der als nass und stürmisch empfundene Juni hat ein wenig gebremst, danach sind aber nochmal ein paar Menschen mehr auf der Herner Straße auf’s Rad gestiegen. Am Text drumherum hat sich also erstmal nichts geändert.

    Spannend werden die nächsten Auswertungen, in denen dann die Herbst- und Winterwerte dazukommen.

    http://www.bochum.de/radfahren/fahrradzaehlstelle

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