Von Ruhr zu Ruhr: Radweg auf der Elbschebahntrasse eröffnet

Reichlich Andrang und ein grünes Lastenrad zur Eröffnung. (Foto: Peter Maier)

Das Warten hat ein Ende: Der 3,8 km lange erste Bauabschnitt des Radwegs auf der Elbschebahntrasse zwischen Bommern und Albringhausen wurde eröffnet. Der Abschnitt ist Teil der 57 km langen Freizeitroute „Von Ruhr zur Ruhr“, die sich über 190 Höhenmeter überwiegend auf alten Bahntrassen von Hattingen über Sprockhövel bis Schee hinauf windet, und von dort über Silschede und Albringhausen wieder hinunter zur Ruhr nach Witten führt. Der Ruhrtalradweg zwischen Witten und Hattingen schließt den Kreis. Während die älteren Abschnitte des Rundkurses überwiegend mit wassergebundener Decke hergestellt wurden, ist der neue Abschnitt ein drei Meter breites Band aus perfektem, glatten Asphalt. Davon profitieren alle: Die Strecke ist uneingeschränkt für den Alltagsverkehr tauglich (und als steigungsarme Strecke in einer bewegten Region doppelt wertvoll), komfortabel für den Freizeitverkehr, günstig im Unterhalt und das Unfallrisiko durch Stürze an Rinnen und Schlaglöchern entfällt. Wegen der offensichtlichen Vorteile von Asphalt sind auch der zweite und dritte Bauabschnitt, die auch den weiteren Verlauf der Elbschebahn von Albringhausen über Silschede bis Gevelsberg zum Radweg machen sollen, in Asphaltbauweise geplant. Der geplante Ausbau geht also über Silschede hinaus, wo die Freizeitroute „Von Ruhr zu Ruhr“ auf die Kohlenbahn in Richtung Schee abzweigt. In Schee gibt es dann über einen 722m langen Tunnel Anschluss an die Wuppertaler Nordbahntrasse: Für Rundreisende von Ruhr zur Ruhr lohnt sich der kurze Umweg für die Tunneldurchfahrt und einen Blick ins Wuppertal.

Wegen der aufwändigen Hangabsicherungen und der Sanierung der Brücken und des Wengerner Viadukts (sehenswert!) erreichen die Kosten des 3,8 km langen ersten Bauabschnitts mit über vier Milionen Euro schon fast die Größenordnung eines Radschnellwegs. Gut angelegtes Geld, wie man am Andrang zur Eröffnung, aber auch an den bestens ausgetretenen Trampelpfaden um die ehemaligen Absperrungen herum sehen kann. Das Ruhrgebiet will radfahren, und wenn man ihm die Möglichkeit gibt, das unbelästigt von übermäßigem Autoverkehr zu tun, dann wird es ganz schön eng.

Dreieinhalb oder vier Meter wären noch konfliktärmer, aber auch auf drei Metern ist genug Platz für alle Nutzer. (Foto: Peter Maier)

Weltklasse

Solange der Bereich zwischen Albringhausen und Silschede nicht ausgebaut ist, müssen hier wenig befahrene Gemeinde- und Landesstraßen genutzt werden. Daher ist es sinnvoll, den Rundkurs entgegen dem Uhrzeigersinn zu fahren, so dass dieser Teil bergab gefahren werden kann. Für die meisten erwachsenen Radfahrer ist dieser Abschnitt völlig problemlos (auch bergauf) befahrbar, aber wirklich familientauglich ist er nicht. Sobald in einigen Jahren auch zweiter und dritter Bauabschnitt fertig sind (zum Zeitpunkt gibt widersprüchliche Angaben) wird es eine durchgängige, fast autofreie und fast vollständig asphaltierte Verbindung von Wuppertal-Vohwinkel über Nordbahntrasse, Kohlenbahn (teils wassergebunden) und Elbschebahn bis nach Witten-Bommern geben. Nach der kurzen Problemzone Witten geht es dann auf einer weiteren Bahntrasse, dem Rheinischen Esel, bis nach Bochum-Langendreer (mit Anschluss an den Radschnellweg Ruhr – oder alternativ statt nach Langendreer auf wassergebundener Decke nach Dortmund-Löttringhausen). Bei aller dringend nötigen Kritik an der Radinfrastruktur abseits der Bahntrassen: Das ist in dieser Länge und in dieser Qualität (mit aufwändigen Brücken, Viadukten und Tunneln) Weltklasse und auf Augenhöhe mit den Erfolgsmodellen Niederlande und Kopenhagen. Und weil sich gute, alltagstaugliche Oberflächen immer mehr durchsetzen, sind diese Wege auch keinen reinen Freizeitwege mehr, sondern bieten auch dem Alltagsverkehr schnelle Verbindungen. Das Elend der Radinfrastruktur beginnt allerdings oft schon wenige Meter neben den Bahntrassenradwegen.

Das Haar in der Suppe

Die einzige vernehmbare Kritik an der neu eröffneten Strecke kann man wohl fast schon als Qualitätsmerkmal werten: Wenn die einzige Kritik sich auf die fehlenden Mülleimer bezieht, dann ist wohl ziemlich viel ziemlich gut gelöst worden. Natürlich sind die im Vorfeld in den Medien heiß diskutierten Mülleimer wichtig, weil die Trasse über weite Strecken abseits (oder oberhalb) der Bebauung verläuft und nicht jeder seinen Müll über weite Strecken mitnimmt (Tipp: Eine Mülltüte wiegt nach Angabe meiner Waage null Gramm und passt in jedes Rucksackfach). Aber sogar in diesem Punkt zeichnet sich eine Lösung ab: Die Politik in Wetter (das die Kosten der Leerung tragen müsste) will das Thema diskutieren und scheint nicht ganz abgeneigt zu sein (siehe dazu Aktualisierung vom 2.9.2017).

Großzügige Rastplätze und (noch) keine Mülleimer. In die Gabionen wurde eine Schicht Glasbausteine eingebaut. (Foto: Peter Maier)

Der ökologisch wertvolle Hangschluchtwald

Die Rundroute von Ruhr zur Ruhr verlässt in Silschede den Verlauf der Elbschebahn und wechselt auf die Kohlenbahn in Richtung Schee. Die Trasse der Elbschebahn führt im weiteren Verlauf in Richtung Gevelsberg durch den Silscheder Tunnel. In der nördlichen Zufahrt hat sich an den bis zu 35m hohen Steilhängen ein sogenannter Hangschluchtwald gebildet, in dem vermutlich auch schützenswerte Arten leben. Für den Radwegbau wäre eine Sicherung der Hänge gegen Steinschlag erforderlich, die zu einer weitgehenden Zerstörung der Biotope führen würde. Die Planung sieht daher zunächst eine Umfahrung der Schlucht und des Tunnels vor – die mit Steigungen von bis zu 14% verbunden wäre. Damit wäre die Strecke weder familienfreundlich noch barrierefrei. Es gibt Vorschläge, das Problem zu lösen, indem nicht die Hänge, sondern der Radweg selbst gegen Steinschlag gesichert wird: Durch eine Einhausung des Radwegs, der dann wie im Käfig in Richtung des Tunnels geführt würde. Das Verfahren wäre natürlich mit hohen Kosten verbunden und ist bisher unerprobt, so dass zu Testzwecken zunächst eine Teilstrecke realisiert werden müsste. Die Durchführung einer Artenschutzprüfung wurde beschlossen, gleichzeitig wird nach Möglichkeiten zur Finanzierung der Einhausung gesucht.

Rot: Neuer Abschnitt
Grün: Provisorische Führung „Ruhr zur Ruhr“ über Landstraßen
Violett: Kohlenbahn nach Schee
Rot+Grün+Violett = Ruhr zur Ruhr, heutiger Stand
Blau: geplanter weiterer Ausbau Elbschebahn nach Gevelsberg mit Umfahrung Hangschluchtwald
Schwarz: Hangschluchtwald und Tunnel Silschede

Aktualisierung vom 2.9.2017

Das ging schnell: Die Stadt Wetter stellt nun doch Mülleimer (und Automaten für Hundekottüten) an ausgewählten Aussichtspunkten auf.

Weitere Informationen:

Von Ruhr zur Ruhr, Wirtschaftsförderungsagentur Ennepe-Ruhr. (Hinweis: Der neu eröffnete Abschnitt ist in den Karten noch nicht eingezeichnet)

Fotostrecke

Der erste kurze Abschnitt der Elbschebahn von der Ruhr bis Witten-Höhe wurde bereits vor fünfzehn Jahren als Hochwasserumfahrung für den Ruhrtalradweg wassergebunden ausgebaut. Nach rechts geht es zum Ruhrtalradweg, geradeaus auf die neue Strecke. (Foto: Peter Maier)
Die Wegweisung nach Gevelsberg ist schon vorhanden, aber noch abgeklebt. (Foto: Peter Maier)
Wenn man die Aufpflasterung nicht als abgesenkte Bordsteinkante werten will, gilt hier rechts vor links. Haifischzähne wie in den Niederlanden würden für mehr Klarheit sorgen. (Foto: Peter Maier)
Große Gabionen gegen Steinschlag. (Foto: Peter Maier)
Die Profis aus Hagen waren auch schon zur Inspektion da. (Foto: Peter Maier)
Ende des ausgebauten Abschnitts – und keine einzige Umlaufsperre auf der gesamten Strecke. (Foto: Peter Maier)
Bei so viel guter Radinfrastruktur lassen die Niederlande grüßen: Kuriose Beschilderung kurz hinter dem Ende der Ausbaustrecke. Der Radverkehr wird auf einem kurzen Stück auf einer kaum befahrenen Straße parallel zum Bahndamm nach Albringhausen geführt. (Foto: Peter Maier)
Wer die bewegte Landschaft sieht, weiß die steigungsarme Trasse zu schätzen. (Foto: Peter Maier)
Ab Albringhausen gehts es über wenig befahrene Straßen stetig bergauf. (Foto: Peter Maier)
Auf der Kohlenbahn nach Schee. Älterer Ausbaustandard mit wassergebundener Decke. (Foto: Peter Maier)
In Schee ist der Tunnel zur Nordbahntrasse einen Abstecher wert. (Foto: Peter Maier)
Draußen tobt der Hochsommer, drinnen ist es kühl und patschnass. (Foto: Peter Maier)

Peter Maier

Peter Maier aus Dortmund, schreibt unter Pseudonym und mit der Absicht, auch von jenseits der Stadtgrenzen zu berichten. Interessiert sich für Infrastruktur und die Frage, wie man des Rad als Verkehrsmittel für die große Mehrheit attraktiv machen kann. Ist leider nicht in der Lage, mit Falschparkern auf Radverkehrsanlagen gelassen umzugehen.

6 Gedanken zu „Von Ruhr zu Ruhr: Radweg auf der Elbschebahntrasse eröffnet

  • 31.08.2017 um 23:51
    Permalink

    Ohne dagewesen zu sein, stimme ich dir zu, dass es ein klarer Fortschritt ist, dass in der Region inzwischen die Ausbaustandards deutlich besser sind. Nur einer Sache bin ich etwas anderer Ansicht. Also für mich wäre als Anlieger die Trasse nur beschränkt alltagstauglich, weil ich im Dunkeln sehr ungern alleine auf abgelegenen Trassen in Einschnitten und Tunneln unterwegs bin. Selbst bei Tag finde ich ruhige und lange Tunnel, die ich nicht überblicken kann, subjektiv unsicher. Dafür braucht es noch Lösungen. Ich würde da gerne mal eine Trasse mit mitlaufendem Licht als Pilot haben.

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    • 01.09.2017 um 15:38
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      In Sprockhövel gibt es einen Abschnitt, auf dem wohl testweise so ein mitlaufendes Licht installiert ist. Vermutlich ist das aber auf Fußverkehr abgestimmt – mit dem Rad fahrend gehen die Lampen in etwa dann an, wenn man sich schon unter ihnen befindet. So eine Lösung lohnt sich vermutlich nur auf längeren Strecken und nur bei vielen größeren Lücken im Radverkehr. Gibt es eigentlich von irgendwo belastbare Erfahrungen zu den Instandhaltungskosten? Bisher höre ich immer nur von Testphasen, fehleranfälligen Schaltungen usw.

      Die Elbschetalbahntrasse bin ich schon vor ca. zweieinhalb Monaten zweimal raufgefahren und fand sie sehr gelungen. Die Glasbrocken in den Gabionen sind ein echter Hingucker! Nur muss ich mir jetzt irgendwelche Ausreden einfallen lassen um die Kumpels weiterhin den Jageplatz und Böllberg raufzuquälen ;-)

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      • 01.09.2017 um 23:15
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        Ich habe dazu nichts gehört.

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    • 02.09.2017 um 0:42
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      @Norbert
      OK, soziale Sicherheit ist auf eigenständigen Radwegen immer nur begrenzt machbar, und wenn man sogar über hundert Jahre alte Bahnstrecken mit Einschnitten und Tunneln recycelt, dann ist es noch schwieriger. Mit Beleuchtung kann man das Problem etwas reduzieren (aber nicht lösen). Aber im Bereich der Tunnel ist sogar das stark beschränkt wegen der Fledermäuse. Schee ist beleuchtet, aber schwach, nachts wird zusätzlich gedimmt, in der kritischen Zeit der Ausschwärmphase (Feb bis April) ist er wohl sogar ab 23.00 Uhr gesperrt. Weiter auf der Nordbahntrasse im Tunnel Dorp machen sie wohl in der kritischen Phase nachts das Licht aus. Dass solche Strecken auch objektiv kaum vollständig vermeidbare Einschränkungen für den Alltagsverkehr haben – ist halt so. Was ich an der neuen Strecke so gut fand, ist dass man dort (und überall immer öfter) zumindest die richtig ärgerlichen, weil vermeidbaren Einschränkungen (Schotter statt Asphalt) vermieden hat.

      @Matthias
      Am Phoenixsee wurde wohl was in der Richtung probiert und es gab gleich Probleme. Ich hab auch Zweifel, ob der Zusatzaufwand sich immer lohnt, weil LED mittlerweile verblüffend effizient sind. Wenn die Zahlen der Stadt Dortmund korrekt sind braucht man für die sehr helle Beleuchtung der Schnettkerbrücke 8 Watt für 30m. Wären bei hoch angesetzten 4000 Stunden pro Jahr (Jahr hat 8760 Std.) rund 100 € Stromkosten im Jahr für 380m. Vernachlässigbar im Vergleich zu Investitionskosten von 22.000 €. Mögliche Einsparungen durch mitlaufendes Licht stehen da in keinem Verhältnis zu möglichen Fehlerrisiken oder erhöhten Instandhaltungskosten. Sieht vielleicht in zehn Jahren anders aus, wenn die Technik mal völlig ausgereift ist.

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      • 02.09.2017 um 15:50
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        Was ich an der neuen Strecke so gut fand, ist dass man dort (und überall immer öfter) zumindest die richtig ärgerlichen, weil vermeidbaren Einschränkungen (Schotter statt Asphalt) vermieden hat.

        Da sind wir uns ja auch einig. Aufgrund der Einschränkungen braucht es Alternativen – auch für Fälle der Sperrungen.

        Bei der mitlaufenden Beleuchtung geht es weniger um die Kosten, als um die Reduktion von Lichtemission. Das ist z. B. für die Tierwelt von großer Bedeutung.

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