Burkhard Stork und der Tourismus [mit Ergänzung]

Ohne Zweifel befindet sich der ADFC in einem Umbruch. Ob die eingeschlagene Richtung gut ist oder nicht, wird bei VeloCityRuhr sehr unterschiedlich beurteilt. Bei den twitterkompatiblen Statements des Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork kommen ansonsten selbst von mir für ihre Kompetenz geschätzte Menschen in eine für mich nicht nachvollziehbar Begeisterung während ich – für diese wiederum unverständlich – für die neuen Heilslehren aus – inzwischen  – Berlin keine Begeisterung aufbringen kann. Gelegentlich lese ich, was Burkhard Stork frei zugänglich bei Twitter postet und teilt. Und jedes Mal bestätigt es mich darin, dass es richtig war, sich schon vor Jahren aus dem Engagement im ADFC zurückzuziehen.

Ein typischer Post ist der Post von Gestern.

Ein Land ist zivilisiert, wenn dort bei Regen mit Schirm Fahrrad gefahren wird.

Selbst wenn ich maximalen Willen aufbringe, dass nicht durch eine „Das kommt von @BurkhardStork“-Brille zu sehen: Was will er mir damit mitteilen? Gerade bei Windböhen erhöht das nicht gerade die subjektive Sicherheit. Gut, dass ist nicht sein Lieblingsthema. Aber auch mal ganz praktisch betrachtet: Trocken bleibt man dabei doch auch nicht, selbst wenn man unterhalb der viel genutzten und nie begründeten 5 km-Entfernungsgrenze bleibt. Ob ich für ihn schon unzivilisiert bin, weil ich lieber beide Hände am Lenker habe um stabiler zu fahren sowie beide Bremsen nutzen zu können, keine Verspannungen in der Schultermuskulatur brauche und so viel bei Regen fahre, dass sich passende Kleidung für alle Wetterlagen angesammelt hat, kann man daraus nicht schließen. Aber was soll man schon aus Schein-Kausalitäten ableiten können. Ein Land ist fahrradfreundlich, wenn die LKW grün sind. Wäre genauso sinnvoll als Aussage.

Den Post könnte man auch unter: „Jeder postet mal Bullshit“ verbuchen. Interessant bleibt aber, wie sich das Datenmüllberge produzieren Gespräch weiter entwickelt. Frank ter Veld‏, engagierter Radfahrer aus Wuppertal mit niederländischen Wurzeln, der dem ADFC den Rücken gekehrt hat:

Hoffe aufrecht, dass der ADFC wieder die Kurve bekommt und sich vom Tourismus verabschiedet.

Daraufhin schrieb Burkhard Stork:

Nein, tun wir nicht. Tourimus hat Millionen von Menschen wieder/neu aufs Rad gebracht. Ziel: daraus muss auch mehr Alltagsradverkehr werden!

Mal sehen, ob er noch eine Quelle postet für die These mit den Millionen. Bevor Stork und Co. das Komando übernahmen, gab es mal ein halbwegs funktionierendes Nebeneinander zwischen Alltagsradler*innen und den Radtouren-Freunde im ADFC. Heute gibt es auf Ebene des Bundesverbandes eine Fixierung auf die These, wenn die Leute Radfahren als Freizeitbeschäftigung entdecken, werden die über kurz oder lang auch im Alltag hin und wieder/immer Radfahren. Wer mit dem großen Auto auch noch ein Rad mit in den Urlaub nimmt oder an Flüssen entlang fährt und Gepäck transportieren lässt, wird aber noch lange nicht im Alltag radfahren. Wieso sollte er das? Es gibt keine sinnvolle Begründung für diesen Automatismus. Auch wenn man das häufig genug behauptet, wird das nicht richtiger, genauso wenig wie CarSharing ernsthaft eine Chance hat, aus der Nische zu kommen, auch wenn das beständig postuliert wird.

Aber wie will ich die Tourismus-Radler*innen für die Alltagsnutzung gewinnen, wenn ich Ihnen immer erkläre, man könne nur geschützt Rad fahren? Aber wie will ich die Tourismus-Radler*innen für die Alltagsnutzung gewinnen, wenn sie dann auf eine Realität treffen, in der die Bedürfnisse der Alltagsradfahrer*innen selbst vom ADFC nicht mehr ernst genommen werden?

Ergänzung 26. 07. 2017 16:03

Heute kommt eine Pressemitteilung des ADFC, in der Radwege als Lösung gegen nicht regelgerechte Produkte der Autoindustrie ins Gespräch kommt.

Anfang August treffen sich Automanager und Regierungsvertreter von Bund und Ländern zum „Nationalen Forum Diesel“. […] ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork sagt: „Nur eine eingesparte Diesel-Fahrt ist eine gute Fahrt! Natürlich gibt es Autofahrten, die unvermeidbar sind. Damit diese Fahrten auch in Zukunft möglich sind, müssen Millionen nicht notwendiger Fahrten vermieden oder verlagert werden. Die Hälfte der städtischen Autofahrten sind Kurzstrecken von unter fünf Kilometern. Mit einer top-ausgebauten Fahrrad-Infrastruktur könnte man davon massenhaft Fahrten auf das Rad verlagern. Wir erwarten, dass die Fahrradförderung im Abschlusspapier des Diesel-Gipfels eine zentrale Rolle spielt!“ […]

Stork: „Es ist unerträglich, dass die Politik die Notbremse nicht schon vor Jahrzehnten gezogen hat. Schon vor 40 Jahren waren die Risiken des Autoverkehrs für Umwelt, Gesundheit und Lebensqualität bekannt – und man hätte, wie in den Niederlanden, das Fahrrad als Alternative kräftig nach vorn bringen können. Jetzt ist der allerspäteste Zeitpunkt, die Weichen für 25 Prozent Radverkehrsanteil und mehr zu stellen!“

 

Was um alles in der Welt hat die Anzahl Kilometer Radweg mit der Neigung zu betrügerischem Handeln in der Autoindustrie zu tun? Schon rein logisch hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Wird Copy-and-Paste-Journalisten schon nicht auffallen. Genauso wenig wie kaum jemand die entscheidende Lücke in den Ausführungen zu den Niederlanden auffallen wird.

Seit den 1980er Jahren fördern die Niederlande das Radfahren massiv und ermutigen Bürger, Strecken mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückzulegen. Auto-Zufahrtsmöglichkeiten in die Stadtzentren werden eingeschränkt, Parkgebühren erhöht, Kfz-Verkehrsflächen reduziert und Radwege gebaut, durchgängige Radverkehrsnetze und Parkmöglichkeiten angelegt sowie das Tempo innerorts auf einem Großteil der Straßen auf 30 km/h begrenzt. Der Erfolg ist durschlagend: 27 Prozent aller Wege werden in den Niederlanden mit dem Rad zurückgelegt (D: 12%). 25 Prozent pendeln mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit (D: 10%). Über 1.000 Kilometer legt jeder niederländische Einwohner pro Jahr auf dem Rad zurück (D: 430 km).

Nicht ganz zufällig wird offen gelassen, zu welchen Lasten der Radverkehrsanteil in den Niederlanden höher ist als in Deutschland. Zu Lasten des Autoverkehrs nicht. Damit sind die Niederlande ein ziemlich doofes Beispiel dafür, dass man mit mehr Radverkehr weniger Autoverkehr bekommt.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung.

Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

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