Auf dem Weg zu einem fahrradfreundlichen Bochum aus Sicht der Grünen

Der verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Rat der Stadt Bochum, Sebastian Pewny, äußerte sich gestern kritisch in einem Kommentar zu einem Bericht, in dem ich einen abgelehnten Oppositionsantrag positiv kommentiert hatte. Daher baten wir ihn in einem Gastbeitrag darzustellen, wie seiner Meinung nach in welchen Schritten Bochum fahrradfreudlicher werden soll. Auch der von ihm kritisierten Fraktion haben wir angeboten, ihre Sicht der Strategie darzustellen.

Es ist wieder so ein Tag. Dreißig Grad und die Sonne knallt auf den heißen Asphalt. Der blaue Himmel wird hier und da von einigen wenigen harmlosen kleinen Wolken bedeckt. Noch ein kleiner Hügel, dann ist es geschafft. Jetzt schnell mit Tempo 50 die Kö hinunter. Mist, jetzt ist der Bus im Weg. Bremsen, schnell Spur wechseln. Hupen. Hand heben und wild gestikulieren. Weiter geht’s. Vernünftiger Radweg? Fehlanzeige! Schnell über den Ring. Hier auch kein Radweg. Jetzt Herner Straße und hier läuft es gut. Ich höre beim Radfahren Musik auf einem Ohr und dort läuft gerade der folgende Song:

„It’s been a long road, getting from there to here.
It’s been a long time, but my time is finally near.
And I can feel the change in the wind right now,
nothings in my way.
And they’re not gonna hold me down no more, no
they’re not gonna hold me down“

Ich besitze kein eigenes Auto. Ich fahre ganzjährig mit dem Rennrad. Sowohl im Alltag, wie auch im Sport. Hin und wieder nutze ich den ÖPNV oder einen Mix aus Radfahren und ÖPNV. Bis zu Beginn der 21. Jahrhunderts war Bochum dem Motto „Autozentrierte Stadt“ verhaftet. Alle verkehrspolitischen Entscheidungen wurden auf das Auto fokussiert. Als ich im Jahr 2015 fragte, weshalb Busse und Straßenbahnen nur sehr selten an Ampeln Vorrang bekommen, begründete die Stadtverwaltung dies mit einer Entscheidung des Verkehrsausschusses aus den 70er Jahren. Bis heute prägen die Entscheidungen vergangener Jahrzehnte die Bochumer Politik. Dies gilt auch und insbesondere für die Verkehrssituation. Seit 1999 erlebt Bochum einen stetigen Wandel. Hier wurde das erste Radverkehrskonzept der Stadt beschlossen, Mehr Radverkehrsanlagen denn je wurden eingerichtet. Heute rund 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrades hat sich auch das Rad in Bochum als Fortbewegungsmittel etabliert. Bochum bekommt seinen ersten Radschnellweg, Mit der Springorumallee und der Erzbahntrasse sind schnelle und zugleich schöne Radwege entstanden, welche Stadtteile miteinander verbinden. Bochum hat jetzt einen Nahmobilitätsmanager, welcher sich um die Verbesserung des Radverkehrs in Bochum kümmert. Bei nahezu jeder Straßensanierung und Straßenneuplanung wird darauf geachtet den Radverkehr angemessen zu berücksichtigen.

Bochum hat sich, wie die ganze Region verpflichtet den Radverkehrsanteil im Gesamtverkehr deutlich zu erhöhen. Rund 50 Kilometer neue Radwege sollen bis 2022 entstehen. 2010 war Bochum die Stadt in Deutschland mit den meisten Autos pro Einwohner. Von 2010-2015 ist laut World Economic Forum die Anzahl der Autos um 5% gesunken. Mehr und mehr Elektroautos rollen auf Bochums Straßen und der Ausbau von E-Ladestationen geht gut voran. Bochums Innenstadt bekommt ein Radabstellanlagenkonzept. Sämtliche Bahnhöfe und ÖPNV-Knotenpunkte werden mit Fahrradboxen ausgestattet. Ein großes Fahrradverleihsystem ist in Bochum angekommen und auch hier wird der Ausbau in den nächsten Jahren weiter vorangehen. Bochums Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte ist Anspruch und Ziel zugleich. Um drin zu bleiben müssen wir viele angekündigte Maßnahmen auch Realität werden lassen.

Bochum tritt in die Pedale und wird immer fahrradfreundlicher. Trotz angespannter Haushaltslage wird investiert in Bochums Zukunft. Neben den finanziellen Spielräumen sind auch die personellen Kapazitäten begrenzt, sodass Bochum nur step by step die Mobilitätswende einleiten kann.

Die nächsten Schritte und Meilensteine liegen aber klar vor Augen:

  1. Bochums aktuell gültiges Radverkehrskonzept datiert auf das Jahr 1999. Hier müssen wir dingend eine vollständige Neuauflage auf den Weg bringen. Mittelpunkt des Radverkehrskonzeptes muss die Beschreibung der Maßnahmen zur Erreichung des Lückenschlusses von Radwegen und ein vollständiger Radwegenetzplan sein.
  2. Bochum braucht ein Mobilitätsteam. Der aktuelle Mobilitätsmanager braucht personelle Unterstützung. Neben planerischer Expertise müssen diesem Team auch ein ÖPNV-Experte und ein zweiter Nahmobilitätsbeauftragter angehören. Dafür muss Politik jetzt die Weichen stellen.
  3. Die Innenstadt Bochums braucht eine vollständige Überplanung. Sämtliche Radialstraßen müssen im Straßenquerschnitt völlig neu gestaltet werden und allen Mobilitätsträgern gerecht werden.
  4. Bochum braucht eine Mobilitätsstrategie die der Verwaltung klar aufzeigt wo Bochum hin möchte. Multimodale Stadt darf kein leeres Wort sein, sondern muss durch definierte Ziele Handlungsrahmen für Verwaltungshandeln sein. Ein Modal-Split, welcher einen Radverkehrsanteil von 20% als Zielmarke nennt muss mindestens drin sein.
  5. Die Verkehrsüberwachung in Bochum muss völlig neu gedacht werden. Die strikte Trennung von Ordnungsamt und Straßenverkehrsamt muss aufgebrochen werden. Städtische Ordnungshüter dürfen nicht abseits ihrer Zuständigkeit wegschauen, wenn gegen Regeln verstoßen wird.

In Zukunft müssen wir in Bochum uns auch über Einschränkungen für den Autoverkehr unterhalten. Oberirdisches Parken in der Innenstadt ist in Anbetracht der Parkhausdichte nicht mehr in dem momentanen Umfang gerechtfertigt. Die Frage ob jedes neue Quartier noch für den Autoverkehr zugängig sein muss, darf gestellt werden. Brauchen wir bei Neubaugebieten noch Stellplätze im heutigen Umfang? Solche Fragen haben ihre Berechtigung, angesichts der sich dramatisch negativ entwickelnden Luft- und Aufenthaltsqualitäten in urbanen Räumen.

Es gibt unbestreitbar einen Zusammenhang zwischen einer gut funktionierenden und ökonomisch gut ausgestatteten Stadt und ihrem Radverkehrsanteil. Münster, Koppenhagen, Amsterdam, Freiburg, Darmstadt, Tübingen und unzählige andere machen es vor. Klar diese Städte sind historisch ganz anders gewachsen. Keine von denen unterlag dem Motto „Autostadt“.  Bochum is not Detroit hieß es mal. Bochum wird nicht Detroit, denn wir haben verstanden, dazugelernt und treten in die Pedale!

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