Hagen lernt von Bochum

Für VeloCityRuhr ist Bochum aktuell die Stadt im Ruhrgebiet, aus der am ehesten positive Entwicklungen zu erwarten sind aktuell. Daher hatten wir auf Anfrage auch Bochum als mögliches Ziel in der näheren Umgebung vorgeschlagen, als wir gefragt wurden, wohin sich eine Exkursion der Stadt Hagen lohnen könnte. Hintergrund der Anfrage war, dass die Stadt die gemeinsame jährliche Radtour von ADFC, Politik und Verwaltung mal nicht zu den Schwachstellen in Hagen machen wollte, sondern sich angucken wollte, wie man Fragestellungen angehen kann.

Die Delegation aus Hagen und startet mit ihrer Begleitung am Bahnhof. (Foto: Stadt Bochum/André Grabowski)

Zuerst hat die Delegation die Radstation besichtigt und fuhr dann 21 Kilometer. Das ist für eine Fachexkursion mir Halt und Diskussion an mehreren Stellen eine ordentliche Strecke. Auf der Strecke ging es unter Leitung des Bochumer Tiefbauamtes um

  • die Neuordnung überbreiter Straßen durch Radfahrstreifen  (Werner Hellweg, Oskar-Hoffmann-Straße, Bessemerstraße),
  • Kompromisslösungen (Hustadtring, Wittener Straße, ausgewiesene Alternativen zur Wittener Straße),
  • zu Rad- und Gehwegen umgewandelte Bahntrassen (Springorumtrasse, Erzbahntrasse),
  • einzelne Details (gute Anlehnbügel für Fahrräder, vorgezogenen Aufstellflächen an Lichtsignalanlagen, neu gestaltetes indirektes Linksabbiegen) und
  • fachlich gute Ausführung von Markierungen (Parkstandsmarkierung + Sicherheitstrennstreifen + Radfahrstreifen anstatt lediglich einem Radfahrstreifen) aber auch
  • Problemstellen, an denen noch historisch gewachsene und aus heutiger Sicht anders herzustellende Infrastruktur vorhanden ist,
  • Hürden, die aufgrund von fachlichen oder rechtlichen Restriktionen einen Ausbau der Radwege verhindern und
  • Eigentums- und Zuständigkeitsregelungen, die Bauprojekte verzögern oder die zu Kompromissen zwingen.
Die Strecke der Fachexkursion

Gegenüber VeloCityRuhr betont der Bochum Nahmobilitätsbeauftragte Matthias Olschowy, dass ihm eine realistische Darstellung der Verhältnisse vor Ort wichtig war.

Obwohl bereits viel erreicht wurde und obwohl die Radverkehrsförderung mittlerweile in vielen Köpfen aus verschiedenen Bereichen der öffentlichen Hand fest verankert ist, gibt es weiterhin Hürden unterschiedlichster Art, die immer wieder auch zu Kompromissen führen. Der Bau von zeitgemäßer Radverkehrsinfrastruktur ist noch kein Selbstläufer sondern bedarf weiterhin eines intensiven Engagements inner- und außerhalb der Stadtverwaltungen.

Das ist ein sinnvoller Ansatz, damit ein realistisches Bild entsteht bei den Gästen. Aber noch wichtiger ist, dass darin zum Ausdruck kommt, dass die Stadtverwaltung zu einer kritischen Reflexion auch in der Öffentlichkeit fähig ist. Das ist eine sehr wichtige Kompetenz.

 

Gefallen hat der Hagener Delegation, so Michael Kaub, Pressesprecher der Stadt Hagen, die bochumer Radfahrstreifen, die nicht die Mindestmaße unterschreiten sondern so breit wie möglich geplant werden. Auch fand man es gut, dass die Bochumer auch einmal quer denken und unkonventionelle Lösungen zur Radverkehrsförderung umsetzen. So hat man sich die Wittener Straße/B226 angeschaut. Das war eine vierspurige Hauptverkehrsachse. Auf einem Teilstück wurden Radfahrstreifen angelegt und gegen die Erwartung von Politik und Verwaltung wurde diese dann gut angenommen. Daraus nehme man mit:

Es muss ein Angebot geschaffen werden und dann kommen auch die Radfahrer. Eine Sache, bei der es hier in Hagen noch oft hakt.

Angeregte Diskussion vor Ort (Foto: Stadt Bochum/Matthias Olschowy)

Gegenüber VeloCityRuhr.Net berichtet  Kaub die Beteiligten hätten festgestellt, dass es in Bochum teilweise ähnliche Probleme gibt wie in Hagen. Eine Erkenntnis, die sich im Ruhrgebiet noch durchsetzten muss. Eine der Gründungsideen von VeloCityRuhr war es, die Stadtgrenzen zu überwinden und von und miteinander zu lernen. Bisher arbeiten die Kommunen aus Sicht von VeloCityRuhr noch nicht genug zusammen, sodass gute Lösungen immer auf eine Stadt beschränkt bleiben. Eine Gemeinsamkeit sei der Wallring, der aber in Bochum als nicht lösbar gelte. Da ist VeloCityRuhr natürlich anderer Meinung. :-)

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

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