Die Problemlage RS1 im Essener Eltingviertel – Viele gute Gründe gegen die Variante 3

Die Problemlage RS1 im Essener Eltingviertel – Viele gute Gründe gegen die Variante 3

28.04.2017 Simon Knur 2 Kommentare

Es hat sich also bewahrheitet: Der Damm soll in der favorisierten Version entgegen der Aussagen Ende Januar bei der Demo und der Pressemitteilung der Stadt Essen jetzt wohl doch abgetragen werden. Mittlerweile sind nur noch drei Versionen im Rennen. Die jetzt heiß gehandelte Variante 3 wirkt auf den ersten Blick zwar interessant, zeigt jedoch im Detail massive städtebauliche und fachliche Schwächen in der Planung. Ich gehe an der Stelle auf die V3 ein, bei der der RS1 auf und durch die Gebäude geführt werden soll und somit Teil des Gebäudes wird. Was weitrechende Konsequenzen haben könnte.

Dabei steht außer Frage, dass das Eltingviertel städtebaulich aufgewertet sollte und man den RS1 als Qualität und nicht als Bedrohung verstehen darf. Dabei sollte man aber nicht in bester 1960er-Großphantasie einen eigenen BER oder ein S21 planen. Es ist leider offensichtlich, dass „Best-Practice“ in Essen nicht bei Radschnellwegen gilt, sondern nur für die Immobiliengewinnoptimierung. Und selbst die jetzt  vorgestellte Machbarkeitsstudie ist fachlich sehr dünn zusammengeschrieben; sie ist eben keine Variantenbewertung von Lebensqualitäten im eigentlichen Sinn. Es fehlen nahezu alle städtebaulichen Wertungskriterien. Von der viel beschworenen städtebaulichen Bedeutung des Eltingviertel bleibt nur ein bisschen architektonischen Rahmenanalyse. Wegebeziehungen,  Wohnstrukturen, Bildung, Quartiershistorie, Bevölkerungszusammensetzung, Wirkung des RS1, Nahmobilität und Spielräume spielen inhaltlich keine Rolle bei den Varianten. Es ist eine nüchterne Bewertung der Flächen und Baukörper, die aber keine angemessene städtebauliche Beurteilung inhaltlich zulassen, die sich in den Varianten wiederspiegeln könnte.

Sollte die 3. Variante ausgewählt werden, dann rückt eine zeitnahe Umsetzung des RS1 in weite Ferne, und es werden dabei zahlreiche Fragen und Mängel aufgeworfen.

Ich habe mal ganz kurz die offensichtlich Schwächen und Fragen zusammengestellt:

  1. Finanzierung
    • Fördermittel sind nur für öffentliche Vorhaben in dem Umfang einsetzbar, wie bisher geplant. Angeblich ist die Finanzierung des gesamten RS1 gesichert gewesen. Wenn Essen jetzt aussteigt zugunsten einer eigenen Investorenlösung, dann stehen die Mittel aufgrund von EU-De-minimis-Beihilferegelungen nicht mehr in der jetzigen Form zur Verfügung.
    • Die Stadt müsste alternative Mittel aus dem Haushalt bereitstellen oder Investoren für den Bau in einem Städtebaulichen Rahmenvertrag verpflichten
  2. Rechtslage der Landesstraße RS1 unklar:
    • Dürfen private Investoren Landesstraßen wie den RS1 bauen und als Teil des Daches betreiben?
    • Dürfen Landesstraßen und Radschnellwege auf privaten Gebäuden errichtet werden?
    • Dürfen Landesstraßen als Dach eines Gebäudes durch öffentliche Mittel gefördert werden?
    • Was passiert, wenn der Investor seiner vertraglichen Verpflichtung bei der Errichtung und Betrieb des RS1 nicht nachkommt?
    • Übernimmt der Landesbetrieb Straßen.NRW überhaupt den Betrieb und Winterdienst auf einem privaten Gebäude?
  3. Luftreinhalteplanung blockiert
    • Sowohl im Klimaanpassungskonzept wie auch im aktuell noch gültigen Luftreinhalteplan ist der Viehhofer Platz als besonders belasteter Bereich gekennzeichnet. Da die NOx- und Feinstaubbelastungen seit 2009 weiter gestiegen sind, wäre ein schneller Weiterbau ein politisch wirksames Zeichen. Mit der V3 werden eher noch 5-10 Jahre vergehen. Zur Erinnerung: Die grüne Mitte Essen hat 25 Jahre gebraucht.  Die haben wir in der Luftreinhaltung und bei Dieselfahrverboten nicht.
  4. Stadtklima weiter verschlechtert
    • Der Bahndamm ist als eine Frischluftschneise in der Ost-West-Hauptwindrichtung im Anpassungskonzept der Stadt Essen enthalten. Jetzt plant man massive Querriegel, die eine Düse auf den Radweg legen und die sonstige Belüftung behindern. Offensichtlich ist das teuer aufgestellte Konzept aber der Stadtspitze egal und die Folgen für die Bürger irrelevant.
    • Der Bereich rund um den Viehhofer Platz ist in den Klimatopkarten des RVR eine ausgewiesene Wärmeinsel mit schlechter Belüftung, in Essen ist der Stadtkern aufgrund der massiven Versiegelung bis zu 7°C Grad wärmer als das Umland. Belüftung und Grünflächen wie der Hang des Bahndamms sorgen für eine Kühlung. Dieser Effekt dürfte deutlich eingeschränkt werden und ist auch mit einer eventuellen Gebäudebegrünung nicht auszugleichen. Zumal auch die grüne Mitte massiv versiegelt und aufgrund der Bodenbeläge nicht optimal gestaltet ist.
  5. Architektur
    • Machen wir uns nichts vor: Die Drogendealer aus der amtlich festgestellten „gefährlichen Nachbarschaft“ werden den trockenen Ort unter und an der „Essener Highline“ zügig entdecken und in Beschlag nehmen, um der Kamerüberwachung nebenan zu entkommen.
    • Die engen Gebäudeöffnungen sorgen dann vermutlich bei den häufigen West- Südwest oder Ostwindwetterlagen oft für einen massiven Gegenwind mit einem Düseneffekt. Für die Radfahrer wird das also kein Spaß, sondern im schlimmsten Fall gefährlich.
    • Die Gebäudedurchfahrten bilden im schlimmsten Fall neue Angsträume, die V3 wirkt nicht wie ein Entwurf, der den RS1 als Gebäudevorderseite aufnimmt.
    • Der Radweg geht als Lärmquelle durch die engen Innenhöfe. Das ist ein geplanter Konflikt.
    • Ansonsten wurde klassische „Überallarchitektur“ an einem international beachteten Radweg präsentiert. Dabei bieten Damm und RS1 tolle Möglichkeiten Konzepte wie das Kopenhagener „8 House“ mal echte Akzente zu setzen und die Grüne Hauptstadt mit modernem Wohnraum zu versorgen. Alternative hätte man auch das „Bike House“ in Malmö einfach kopieren und anpassen können.  Stattdessen blamiert man sich am Wirtschaftsstandort neben der Universität Essen mit Erstsemester-Klötzchenarchitektur. Schade!
    • Grünflächen sind nicht vorstellbar bei der maximal angestrebten Verdichtung. Dass neuer Wohnraum gebaut wird ist durchaus sinnvoll, aber hier fehlen die Qualitäten.
  6. Zeitplan
    • Am Stammsitz des Regionalverbandes Ruhr wird man bis 2020 nicht fertig, weil man dies nicht will. Straßen.NRW wurde sogar gestoppt bei der Planung der neuen Brücke über die Gladbecker Straße.  Vermutlich hat die Stadt Essen nicht einmal einen Investor, der das Risiko auf sich, nimmt einen womöglich noch kontaminierten Bahndamm auf eigene Kosten abzutragen. Offensichtlich gibt es keinen belastbaren Zeitplan für den RS1.
    • Die V1 ist die EINZIGE Option, den RS1 jetzt schon zu aktiv entwickeln. Alle anderen Entwürfe blockieren die weitere Vorgehensweise und machen das Leuchtturmprojekt auf Jahre unmöglich.
    • V2 & V3 birgt die Gefahr in sich, dass Essen am Ende die letzte Stadt im Ruhrgebiet ist, die aufgrund lokaler Luftschlösser vielleicht erst  2033 den RS1 fertigstellt.
  7. Ärgernis Intercityroute
    • Das geplante Provisorium droht im schlimmsten Fall ein ewiges Bauwerk zu werden. Es wurde mir gegenüber auch der Verdacht geäußert, dass die Umleitung als Alternative zum RS1 im Eltingviertel geplant ist. Dann könnte man die maximale Rendite herausholen, ohne sich mit dem RS1-Projekt herumzuschlagen. Und Zickzackfahren im Autoverkehr sind die Radfahrer in Essen ja eh gewohnt.
    • Den meisten Teilnehmern der Baustellentour war die IC-Route überhaupt  nicht (?) klar, entsprechend bietet der ADFC Essen nächste Woche eine Informationstour an und stellt die Problemlagen der geplanten Umleitung vor Ort  dar.
    • Im schlimmsten Fall könnte sogar eine gruselige „6-Ampelplanung“ am Viehofer Platz wiederbelebt werden, wo der Radweg in der dreckigen Fahrbahnmitte auf der Insel geführt werden sollte.  Zum Glück wurde die Idee angebltich wieder aufgegeben.

Ich hoffe noch auf den Verstand der Essener politischen Fraktionen, befürchte aber leider das Schlimmste, zumal die Radverbänden offensichtlich leider keine ehrlichen Antworten auf  ihre Fragen erwarten dürfen, was sehr schade ist und einen lange Schatten auf das tolle Projekt der Grünen Hauptstadt wirft, was die Fahrradverbände in der Idee eben auch gerne unterstützen. Mehr Radverkehr geht aber nicht mit mehr Broschüren, sondern kurzfristig nur mit besserer Infrastruktur.

Das Eltingviertel verdient etwas Besseres als die 3.Variante, und der RS1 als verbindendes Element sowieso. Und Bürgerbeteiligung und die öffentliche Diskussion um Lebensqualität scheinen nur zu stören.

In Essen wird der RS1 wohl für die nächsten Jahre der langsamste Weg im Revier.

 

 

Simon Knur

Planer, Falt- und Liegeradfahrer aus dem Sauerland, wegen der Liebe und dem Job im Ruhrgebiet. Seit 2012 bei VCR und beruflich unterwegs zu den Themen Infrastruktur, Abwasser, Klimaschutz und Klimaanpassung. Blogge mit dem lokalen Schwerpunkt Essen, Radschnellweg und Radkultur.

4 Gedanken zu „Die Problemlage RS1 im Essener Eltingviertel – Viele gute Gründe gegen die Variante 3

  • 28.04.2017 um 17:08
    Permalink

    Außerdem:

    „Wer will dauerhaft in einem Haus leben, in dem ein Weg verläuft, auf dem sich zumindest im Sommer nachts viele Leute aufhalten werden? Da ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Bewohner*innen auf einmal merken, dass vom RS 1 Geräusche ausgehen und Müll.“

    Antwort
  • 30.04.2017 um 18:18
    Permalink

    Man kann die Zeit der NRW-Wahl wunderbar nutzen und zumindest den Landespolitikern mal ein paar Fragen stellen. Ich habe mal mit Frau Altenkamp angefangen: https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/britta-altenkamp/question/2017-04-25/24908.
    Naja, die Antworten sind jetzt nicht die Offenbarung, aber den Satz “ ….wobei ein „Bremsen“ der SPD in Essen nicht gegeben ist.“ sicherlich schon Gewicht hat. Ich scheue mich auch nicht Frau Altenkamp darauf in 2 Jahren öffentlich anzusprechen, wobei ich mir natürlich lieber Variante 1 wünsche.

    Antwort

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