Wer baut denn sowas? – Selmer Radfahrer haben wieder mal das Nachsehen

Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)
Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)

Nähert man sich auf dem Fahrrad der Stadt Selm aus den Städten des Nachbarkreis Coesfeld, fallen sofort die großen Hinweisschilder am Straßenrand auf, die den Radler im fahrradfreundlichen Kreis Unna begrüßen. Auf dem Schild und auf dem Papier mag das vielleicht ein frommer Wunsch sein; die Realität sieht anders aus und gibt immer wieder Anlass zur Kritik. Zwei Beispiele aus Selm sollen das verdeutlichen.
Im August 2015 wurde die Entlastungsstraße Buddenberg (K44n) feierlich eröffnet. Sie soll das Wohngebiet Buddenberg vom Durchgangsverkehr entlasten und verbindet die Kreisstraße (B 236) und die Werner Straße (L507). Für den Radfahrer wurde entlang der Straße ein Zweirichtungsradweg gebaut und auch in der Presse lobend erwähnt. Aber: die neue Straße durchschneidet einen beliebten Radweg durch Wiesen und Felder zwischen Bork und Selm. Ein Überführungsbauwerk für den Radverkehr war nicht geplant; stattdessen eine höhengleiche Querung mit entsprechender Querungsinsel. Heute wird der Radfahrer vor dieser Querung schont aus der Ferne von 4 „Vorfahrt achten – Schildern“ begrüßt, die nach Aussage des Kreises Unna für dessen Sicherheit aufgestellt sind. Also heißt es für den Radfahrer: anhalten! Bei der weiteren Nutzung der Querungsinsel wird es eng: die Breite für den Radfahrer beträgt 2,00 Meter; die Aufstelllänge 2,50 Meter; (s. Bild 1). Für Radler-Gruppen, Lastenräder oder Fahrräder mit Anhänger ist kein Platz! Die einschlägigen Bauempfehlungen für solche Inseln („ERA“ – Empfehlungen für Radverkehrsanlagen oder Empfehlungen der „AGFS“ – Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundliche Städte) schlagen eine Breite von 2,50 bis 3,50 Meter und eine Aufstelllänge von mindestens 4,00 Meter vor; davon ist die Selmer Insel meilenweit entfernt. Bei der Begründung des Kreises, „die Planung der Straße erfolgte vor 25 Jahren; da gab es diese Empfehlungen noch nicht“, können die Selmer Radfahrer nur die Stirn runzeln, und müssen sich mit diesem Missstand zukünftig abfinden.

Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)
Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)

Das zweite Beispiel betrifft den Ausbau der Werner Straße (L507) in Selm. Dieses ist die Verbindungsstraße zwischen Selm und Werne und könnte mit einem vernünftigen Radweg auch von den Radfahrern und insbesondere der immer mehr wachsenden Zahl der Pedelec-Fahrer als schnelle Verbindung genutzt werden. Zur Zeit verirrt sich kaum ein Radfahrer auf diese Straße, denn die Benutzung mit dem Rad ist lebensgefährlich (s. Bild 2). Die Selmer Radfahrer nehmen lieber einen Umweg über Südkirchen in Kauf, um sicher nach Werne zu gelangen. In Gesprächen mit der Stadt Selm und dem Kreis Unna wurden den Radfahrern seit Jahren versprochen, beim geplanten Ausbau der Straße einen separaten Zweirichtungsradweg anzulegen. Durch Zufall erfuhr der ADFC Selm kürzlich, dass bei der Erneuerung der Fahrbahndecke nun doch kein Radweg gebaut wird. Dies ist besonders ärgerlich, da in der „ERA“ genau dieser Fall mit einer passenden Bemaßung empfohlen wird. Für den Radfahrer bleibt wieder nur der Randstreifen der Fahrbahn übrig. Eine Anfrage bei StrassenNRW als Baulastträger ergab leider keinen Grund für die Planungsänderung; daher bleibt nur die Vermutung, dass – wie so oft in solchen Fällen – nicht ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stehen. Zum Nachteil der Radfahrer!

Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)
Querungsinsel K44n (Foto: ADFC Kreisverband Unna)

Für beide Beispiele, die so gar nicht in unsere Zeit passen wollen, gilt: fahrradfreundliche Planung und Umsetzung sieht anders aus. Im ganzen Land sprechen wir vom Ausbau der Nahmobilität und des Radverkehrs. Der NRW Verkehrsminister schwärmt von Radschnellwegen und Steigerung des Anteils der Fahrradfahrer am Gesamtverkehr (Modal Split). Aber was kommt davon im Norden des Kreises Unna an? Kaum etwas, bedauert der ADFC und sieht sich in die fahrradmobile Steinzeit zurückversetzt.

Dieser Beitrag ist zuerst in FahrRad Herbst 2016 des ADFC KV Unna erschienen. Wie veröffentlichen ihn hier mit freudlicher Genehmigung des Autos.

Ein Gedanke zu „Wer baut denn sowas? – Selmer Radfahrer haben wieder mal das Nachsehen

  • 20.10.2016 um 12:47
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    Die Werner Straße bin ich selber auch schon so einige Male gefahren. Toll ist die nicht, aber würde man den Seitenstreifen mitsamt der Begrenzungbaken maaaaaal vernünftig=befahrbar ausführen, wäre dort bereits sehr viel gewonnen.
    Die Gefahr geht auf dieser Straße ansonsten, wenn man die Schlaglöcher mal abhakt, von der Vielzahl der gehetzt gefahrenen Kfz aus, die dort besonders häufig sehr eng überholen und dann sind da noch die LKW. Dies gemischt mit der Topographie der Straße, macht deren Befahrung sehr unattraktiv.
    Aber es ist halt die kürzestes Verbindung in Richtung Selm.
    Die „mittige“ Ausweichroute führt über schmale landwirtschaftlich genutzt Straßen, auf denen einem dann die dort üblichen Dinge widerfahren: Traktoren, Tiertransporter, Bauernglatteis und hie und da Spaziergänge mit und ohne Hund, die mit dem PKW ins Grüne fahren.

    Die untermaßige Querungshilfe ist vom praktischen Gebrauchswert her eher gar kein wirkliches Problem.
    Wollte man es aber wirklich deutlich besser machen, würde ich empfehlen wieder einmal über die Grenze zu unseren Nachbarn in den Niederlanden zu schauen. Klare Markierungen und für Tempo runter (evtl. Drempel dazu) und evtl. sogar Vorrang für Radfahrer, die dann gar keine Querungshilfe benötigen.
    Sowas ist in Schland mit ewig gestrigen und von der Autolobby fremdgesteuerten CSU-Bundesverkehrsministern natürlich erst am Sankt Nimmerleintag zu machen, das ist mir klar. Ich meine ja nur, es geht eben auch anders – w e n n man will.

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