Dortmund: Diskussionen zum Radschnellweg im Kreuzviertel

Als Planer muss ich sagen:  Es ist wichtig die Leute am Ort mitzunehmen. Was aber nicht so einfach ist, wenn bei der Diskussion die Varianten noch nicht feststehen, wie aktuell in Dortmund im Kreuzviertel.
Dort soll der RS1 direkt durch das beliebte Stadtviertel geführt werden, wo nach Angaben des WDR-Beitrages rund 50% der Bewohner gar kein eigenes Auto mehr haben. Ich selbst bin immer wieder dort zu Besuch und vermeide die Anreise dort grundsätzlich mit dem Auto, weil es einfach zu zeitraubend ist.

Die Verwaltung in Dortmund gibt sich also große Mühe dort morgen Abend zu informieren und zu diskutieren, was denn gemacht werden soll. Klar ist aber schon, dass der Standard über den normalen Radwegen liegen soll. die Stadt macht also erst einmal alles richtig und diese Werbegemeinschaft versucht das Projekt zu schädigen, bevor die Eckpunkte überhaupt diskutiert werden können.

Was sehr schade ist, da Konsumenten rund 75% ihrer Einkäufe in einer Entferung bis zu 6 km zurücklegen, wie diese ADFC Broschüre für Einzelhändler schön zusammenfasst. Sprich die Werbegemeinschaft tritt den eigenen Kunden vor das Knie…

Kurz zusammengefasst:

Einzelhandelskunden kaufen zu 75% in einem 6- Kilometer-Radius um den Wohnort ein

Radfahrer sind treue Kunden im Handel vor Ort

Radfahrer haben einen höheren Umsatz als Autokunden (bsp. Stadt Bern)

Radfahrer kaufen weniger, aber kommen öfter und kaufen dann oft hochwertiger

80 % aller Einkäufe passen aufs Fahrrad (taschen oder Korb)

Mit der Einrichtung von Radwegen gab es bis zu 49% Umsatzzuwachs in Stadtvierteln

Der WDR hat in der Lokalzeit Dortmund  also erste Stimmen eingeholt, die lokale Werbegemeinschaft lehnt den #RS1 vor der Haustür angeblich mehrheitlich ab. Die Dame in ihrem Blumengeschäft, die vermutlich mindesten 80% des Umsatzes in ihrem Viertel macht und überhaupt nur einen Bruchteil an Autokunden hat, wirkt dabei eher ängstlich und fühl sich anscheinend durch die Veränderung bedroht (als Geschäftsinhaberin ist das durchaus erst einmal verständlich).Das greifen auch andere Blog in anderen Städten in ihren  Beiträge auf.

Im Regelfall überschätzen Einzelhändler aber den Anteil der Kunden, die mit dem Auto kommen. Das führt bei Einzelhandelsgutachten oft genug zu Irritationen bei Geschäftsleuten, deren Bauchgefühlt etwas völlig anderes sagt. Gerade kleine Einzelhändler profitieren meisten sehr stark durch einen starken Radverkehr. Radverkehr schädigt den Einzelhandel nicht, das Gegenteil ist der Fall: Der Einzelhandel profitiert meistens massiv, bei einer dichten Frequenz im Radverkehr kann gerade ein Blumenladen an der Hauptroute sich eher über höhere Umsätze freuen. Die ECF (Eurpopea Cycling Federation) hat dies untersucht und  die Ergebnnisse veröffentlicht.

Die ökonomische Effekte von Radschnellwegen und neuen Radwegen sind für Geschäftsleute können dramatisch sein und nicht zu  unterschätzen: Im Regelfall steigen die Umsätze, neue Kunden kommen dazu und Umsteiger, die vorher Auto gefahren sind haben die Möglichkeit spontan anzuhalten und einzukaufen. Dieser Umstand  ist mittlerweile häufg untersucht  und  weltweit unter Fachleuten seit Jahren eher unbestritten.  In Deutschland haben wir aber zunehmend das Problem, dass Kompetenz, selbst  wenn sie extern und unabhängig eingekauft wird, nur bei dem passenden Ergebnis akzeptiert wird.  Hier scheint es eine vorgefertigte Meinung zu geben, die nicht durch Tatsachen verwässert werden sollen. Das Menschen Angst vor Veränderungen in ihrer Umgebung haben ist ein bekanntes Problem in der Stadtplanung,  dass man durch gute Kommunikation lösen kann. Und ich hoffe die Einzelhändler lassen in Ihrer Panik mit sich reden, anders ist das Verhalten wissenschaftlich nicht zu erklären. Die vorliegenden Daten zeigen ganz klar, dass die Angst vor den anstehenden Veränderung unbegründet ist. Vielleicht kennt sie aber auch die Erkenntnisse und hat nur Angst vor neuer Konkurrenz.  Vielleicht kaufe ich ja demnächst mal den Blumenstrauß bei ihr, wenn ich da wieder zu Besuch im Kreuzviertel bin.

Spannend bleibt es allemal, morgen Abend ist im Kreuzviertel der Termin für die 3. Bürgerbeteiligung. Vielleicht finden sich ja auch zahlreiche Fürsprecher.

 

Zur Bürgerversammlung „Radschnellweg Ruhr“ für die Stadtbezirke Innenstadt Ost und Innenstadt West lädt die Stadt Dortmund am Montag, 30. Mai 2016, um 18 Uhr in den Gemeindesaal der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde, Markgrafenstraße 123 ein.

Simon Knur

Planer, Falt- und Liegeradfahrer aus dem Sauerland, wegen der Liebe und dem Job im Ruhrgebiet. Seit 2012 bei VCR und beruflich unterwegs zu den Themen Infrastruktur, Abwasser, Klimaschutz und Klimaanpassung. Blogge mit dem lokalen Schwerpunkt Essen, Radschnellweg und Radkultur.

6 Gedanken zu „Dortmund: Diskussionen zum Radschnellweg im Kreuzviertel

  • 29.05.2016 um 20:26
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    Leider ist der WDR-Bericht nicht mehr online. Welche Standortgemeinschaft? Saarlandstraße?

    Das Untersuchungen von ECF etc. zu dem Ergebnis kommen, ist ja nicht verwunderlich. So wie die Untersuchungen der Gegenseite zu anderen Ergebnissen kommen. :-)

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    • 29.05.2016 um 21:15
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      Geht ja international querbeet. Gibt auch ähnliches aus Basel und anderen Städten… Gab da sogar mal eine Reportage aus Japan zu, dem Land des lustigen höflichen Gehwegradeln. ;-)

      Antwort

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