„Insgesamt verfolgen wir das Ziel, an möglichst allen Cityradialen gute Radverkehrsanlagen anzulegen.“

Matthias Olschowy, Nahmobilitätsbeauftragter der Stadt Bochum, aufgenommen am 11.03.2016 anlässlich der Verbesserung einer Radverkehrsführung durch Demontage eines Schildes an der Brückstraße. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)
Matthias Olschowy, Nahmobilitätsbeauftragter der Stadt Bochum, aufgenommen am 11.03.2016 anlässlich der Verbesserung einer Radverkehrsführung durch Demontage eines Schildes an der Brückstraße. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)

Dortmund hat einen, Recklinghausen hat einen und nun auch Bochum: Ein Nahmobilitätsbeauftragten. Seit 15. Februar ist Matthias Olschowy in Amtsstuben und auf den Straßen der Stadt unterwegs. Nun wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir sind unserer Pflicht nachgekommen, und haben umgehend ein Interview mit ihm per E-Mail geführt.

VeloCityRuhr:Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle als Nahmobilitätsbeauftragter. Sicherlich ist für viele nicht direkt klar, was ein Nahmobilitätsbeauftragter überhaupt ist und warum eine arme Stadt wie Bochum sich die Stelle leisten soll. In zwei, drei Sätzen: Warum braucht es die Stelle?

Matthias Olschowy: Wir haben bereits viel Fachkompetenz auf der Planungsseite, einige Kolleginnen und Kollegen sind selber häufig und teils täglich mit dem Rad unterwegs. Bisher hatte hier aber niemand den Freiraum um die Planungen oder Verbesserungen auch aktiv zu vermarkten und sichtbar zu machen. Gleichzeitig benötigen wir eine möglichst positiv besetzte Präsenz des Themas Nahmobilität in der öffentlichen Wahrnehmung – und hier werde ich künftig mit Aktionen, Kampagnen, neuen Radrouten oder Routenvorschlägen für den Alltag, Erreichbarkeitsanalysen usw. ansetzen.

Gleichzeitig entlaste ich die Kolleginnen und Kollegen, die unsere Infrastruktur fachlich planen. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass ich Anregungen und Beschwerden kanalisiere, mir Problemstellen vor Ort ansehe und zur fachlichen Diskussion vorbereite – in die ich mich dann natürlich auch wieder einbringe.

VeloCityRuhr: Ein großes Thema ist ja aktuell der RS 1. In Bochum gibt es wie in Dortmund noch nicht den großen Durchbruch bei der Streckenplanung. Wird er das erste große Thema werden und wenn ja, welche Rolle spielt der Nahmobilitätsbeauftragte bei der Planung?

Matthias Olschowy: Dass es noch nicht den großen Durchbruch gibt bzw. dass wir bisher nicht ganz konkret geplant haben, liegt auch daran, dass bisher noch nicht klar ist, wann welche Fördermittel wie genau an wen verteilt werden. Im Unterschied zum Beispiel zu Essen stehen wir in Bochum vor der Herausforderung, dass wir den RS 1 durch die dichte Innenstadt führen, große Straßen kreuzen und nach Osten auch wieder sinnvoll aus der Stadt herauskommen müssen ohne dass es dafür eine durchgehende alte Bahntrasse gäbe. So etwas macht die Planung natürlich kompliziert, insbesondere an den Kreuzungspunkten. Es gibt aktuell einen Gesetzesentwurf, mit dem „Radschnellverbindungen des Landes“ in das Straßen- und Wegegesetz des Landes Nordrhein-Westfalen aufgenommen werden sollen. Damit wäre die Grundlage für eine Verteilung der Baulasten und für die Förderung der Planungen und der Bauten selbst gelegt. Erst wenn es eine Förderung gibt, können wir richtig und konkret in umfassende Planungen einsteigen. Vorher fehlen uns sowohl Geld als auch Personal.

Das heißt aber nicht, dass wir den RS 1 bisher ignorieren würden: Über den Stand der Machbarkeitsstudie hinaus gibt es schon Überlegungen zu Alternativen, sinnvolleren Routen oder attraktiveren Führungen. Bei allen Bauvorhaben, die diese Routen berühren, stellen wir jetzt sicher, dass kein Platz verloren geht, den wir später für den Ausbau des RS1 benötigen würden.

Wegen der Relevanz des Projektes beabsichtigen wir aktuell, mit vorhandenem Personal und im Rahmen unserer Kapazitäten noch im Jahr 2016 Planungen für einen ersten Teilabschnitt des Radschnellweges aufzunehmen.

Ich werde mich in die Routenfindung einbringen und habe das teils auch schon getan, vor Allem aber wird meine Rolle sein, mir die Verknüpfungspunkte genau anzusehen. Der RS1 steht ja nicht für sich alleine sondern benötigt die gute Anbindung an Wohngebiete, Stadtquartiere, die an der Route liegenden Stadtteilzentren usw. Gleichzeitig ist der RS1 auch für die innerstädtischen Verkehre wichtig. Bisher fehlt z.B. eine gute bzw. möglichst direkte Verbindung zwischen Wattenscheid und Bochumer Innenstadt, die dann über den RS1 hergestellt wird. Genauso verhält es sich von der Innenstadt aus nach Langendreer.

VeloCityRuhr: Ein wichtiger Zubringer zum RS 1 ist sicherlich die Universitätsstraße. Dort gibt es teilweise wirklich breite Radfahrstreifen auf denen es sich gut fahren lässt, aber es fehlt das erste Teilstück von der Innenstadt aus und damit die Anbindung an den RS 1. Nördlich des Campus ist zudem schon wieder Schluss und es fehlt die Durchbindung Richtung Langendreer. Für mich ist der Ansatz richtig, aber die Umsetzung auf halber Strecke stehen geblieben. Ein Schritt zurück ging es vor 2 Jahren in Langendreer, wo der Radverkehr auf einer Hauptstraße ausgesperrt wurde im Rahmen des Straßenbahnbaus. Anderseits: Die Kooperation der RUB mit Metropolrad Ruhr im Rahmen der vorbildlichen Mobilitätsstrategie scheint ja sehr erfolgreich zu sein. Daher die spannende Frage: Was sind die Eckpunkte der Rad- und Fußverkehrsstrategie in Bochum in den nächsten Jahren?

Matthias Olschowy: Zunächst zu den konkret angesprochenen Punkten:

Die Universitätsstraße wird voraussichtlich im Jahr 2018 zwischen Hauptbahnhof und Alsen- bzw. Haderslebener Straße um Radverkehrsanlagen erweitert. Damit wird der Anschluss an den RS1, der nach bisheriger Planung aus der Hermannshöhe heraus und in die Ferdinandstraße hineinführen wird, sichergestellt.

Ab der Universität selbst gibt es auf der Universitätsstraße keine Radfahranlagen bzw. nicht in optimaler Qualität. Hier gibt es aber, wenn ich weiter in Richtung Langendreer bzw. in die Hustadt fahren möchte, ganz frisch gute Radfahrstreifen auf dem Hustadtring. Über kleine Straßen (z.B. Schattbachstr. / Alte Wittener Str.) kann dann auch weiter in Richtung Langendreer gefahren werden. Von der Uni selbst aus gibt es heute Verbindungen durch’s Grüne. Ganz aktuell beschäftigt sich ein Student der Universität damit, welche Lösungen für die direkte Verbindung auch über die Universitätsstraße denkbar sind.

In Langendreer musste der Radverkehr für den Ausbau der Straßenbahn auf der Hauptstraße (die dort auch so heißt) aus Platzgründen weichen, das stimmt. In dem Abschnitt gibt es jetzt zur Nutzung mit dem Rad freigegebene Gehwege. Die wesentlich bessere und von Radfahrenden gut angenommene Alternative ist eine mittlerweile auch beschilderte Route westlich der Hauptstraße, die immer wieder Anschlüsse an die Hauptstraße bietet. Hier kann im verkehrsberuhigten Bereich mit deutlich weniger Verkehr und auch mit weniger Steigungen gefahren werden. Auch wenn die Umfahrung nicht so geradlinig wie die Hauptstraße ist, so ist sie doch komfortabler und die jetzige Führung ist insgesamt die beste Lösung um den ÖPNV zu stärken ohne dadurch den Radverkehr wesentlich zu beeinträchtigen.

Strategische Arbeitsschwerpunkte beim Rad- und Fußwegebau sind Verkehrssicherheit, Ausschilderung, Aus- oder Umbau der Cityradialen und Erschließung von ehemaligen Bahntrassen. Zusätzlich wird bei jeder Baumaßnahme an und auf Straßen an die Belange des Rad- und Fußverkehrs gedacht. Wo möglich, werden dann auch echte Radverkehrsanlagen angelegt. Dadurch werden meistens auch Verbesserungen für den Fußverkehr erzielt, wenn es vorher nur gemeinsame Rad- und Gehwege gab. Stück für Stück wird das Radverkehrsnetz dadurch dichter, es entstehen neue Verbindungswege und Fahrbeziehungen, die bisher nicht möglich waren oder gemieden waren.

Insgesamt verfolgen wir das Ziel, an möglichst allen Cityradialen gute Radverkehrsanlagen anzulegen. Die Herner Straße ist vergangenes Jahr fertiggestellt worden. Aktuell findet eine Verkehrsuntersuchung auf der Königsallee und der Hattinger Straße statt. Der Aus- oder Umbau (sofern er möglich ist) bzw. die Markierungsarbeiten auf diesen Straßen wird im Stadtzentrum beginnen und abschnittsweise nach außen hin fortgesetzt. Wo es auf den großen Verbindungsstraßen aus unterschiedlichsten Gründen (z.B. zu viel Kfz- oder Lkw-Verkehr, Bebauung, geschützte Bäume) bisher keine spezielle Radverkehrsinfrastruktur geben kann, werden wir Parallelverbindungen mindestens beschildern und wo nötig besser befahrbar machen. Dazu wird Mitte des Jahres ein Beschilderungskonzept vorliegen, mit dem letztlich die Verbindungen zwischen den Stadtteilen und Zentren sichtbar gemacht werden.

VeloCityRuhr: Bisher ist Bochum als eine der letzten Städte noch nicht in der AGFS Mitglied, will es aber werden. Ein Umsatteln von vier auf zwei Räder ist das natürlich noch nicht, ist die Mitgliedschaft doch keine Auszeichnung sondern der Vorsatz es besser zu machen. Nach der Initiative zur Mitgliedschaft nun auch noch eine neue Stelle. Das klingt ein wenig nach Aufbruchstimmung. Wie nimmt man die Opelstadt mit auf den Weg?

Matthias Olschowy: Die Möglichkeiten und Vorzüge, die sich mit dem Rad aber auch beim Zufußgehen im Alltag bieten, müssen greifbar werden. Bisher nehme ich häufig wahr, dass zu kompliziert gedacht wird: Es geht ja nicht nur um die langen Wege, die möglicherweise zur Arbeit zurückgelegt werden müssen, sondern auch um die kurzen Strecken innerhalb eines Stadtteils. In einem Radius von nur zwei Kilometern können die meisten von uns alle Erledigungen des täglichen Bedarfs erledigen. Selbst wenn ich nur einen Kilometer ansetze, der noch immer sehr gut zu Fuß zurückgelegt werden kann, erreiche ich häufig alle wichtigen Einrichtungen wie Ärzte, Apotheken, Postfilialen, Bäckereien und Supermärkte. Man benötigt auch nicht zwingend ein Lastenrad – selbst für größere Einkäufe reicht meist ein Rad mit Packtaschen. Die Beschilderung der Wegeverbindungen ist ein Baustein, Öffentlichkeitsarbeit ein weiterer. Der Ausbau von Infrastruktur ist langwieriger und teurer aber natürlich genauso wichtig.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist der Freizeitverkehr: Bisher sind die Möglichkeiten für Radtouren über ruhige und grüne und/oder gut ausgebaute Verbindungswege wenig bekannt. Die Freizeitkarte weist bereits empfohlene Verbindungsrouten aus, es mangelt aber an Rundtouren, die wirklich bekannt gemacht sind. Mit dem frisch fertiggestellten Parkway EmscherRuhr, der noch öffentlich eingeweiht wird und dem zukünftigen Parkband West ergeben sich wirklich schöne Möglichkeiten für solche Touren, auf denen Bochum ganz neu erfahren werden kann. Neben dem Wert für die Freizeit bringen solche guten Erfahrungen auch etwas für den Alltagsverkehr: Man lernt seine Stadt von einer ganz neuen Seite kennen, beschäftigt sich mit Kombinationsmöglichkeiten und steigt dann hoffentlich häufiger auf’s Rad. Radfahren wird so zu einer schönen Erfahrung und im letzten Schluss zur ersten Verkehrsmittelwahl auch im Alltag.

VeloCityRuhr:In Bochum ist das Verhältnis zwischen Verwaltung und ADFC, so mein Eindruck, durchaus angespannt. Das ist eine Situation, die für beide Seiten nicht befriedigend sein dürfte. Gibt es schon Ideen, wie die Zusammenarbeit mit den Verbänden von ADFC über FUSS bis VCD in den nächsten Jahren aussehen soll?

Matthias Olschowy, Nahmobilitätsbeauftragter der Stadt Bochum, aufgenommen am 11.03.2016 anlässlich der Verbesserung einer Radverkehrsführung durch Demontage eines Schildes an der Brückstraße. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)
Matthias Olschowy, Nahmobilitätsbeauftragter der Stadt Bochum, aufgenommen am 11.03.2016 anlässlich der Verbesserung einer Radverkehrsführung durch Demontage eines Schildes an der Brückstraße. (Foto: Lutz Leitmann / Stadt Bochum)

Matthias Olschowy: Aktuell habe ich mich mit meinen Aufgaben gerade beim ADFC auf der Mitgliederversammlung vorgestellt, der VCD wird mich ebenfalls noch einladen. Grundsätzlich stehe ich für alle Fragen, Anregungen und Vorschläge in Sachen Nahmobilität für die Interessensvereinigungen und Gruppen wie urbanradeling zur Verfügung.

Ich möchte gerne zu einer Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Lösungen gelangen, z.B. bei der Suche nach der besten RS1-Trasse und ihrer Anbindungen. Ich kann mir gut vorstellen, gemeinsam mit den Interessensvertretungen und –gruppen Radtouren zu erarbeiten und Aktionen durchzuführen.

VeloCityRuhr: Zur Nahmobilität zählt auch der Fußverkehr was schnell in den Hintergrund rückt. Daher zum Abschluss die Frage, Was passiert in dem Bereich?

Matthias Olschowy: Fußverkehr als Basis aller weiteren Mobilität wird bei allen Planungen mit bedacht. Wenn neue Wohnsiedlungen oder Einkaufsmöglichkeiten geschaffen werden, sollen nach Möglichkeit auch Wege geschaffen werden, auf denen diese Gebiete ohne Umweg direkt zu Fuß erreichbar sind.

Es gibt heute praktisch keine Baumaßnahme an Straßen mehr, in der keine Gehwege angelegt werden. Ausnahmen hiervon stellen Mischverkehrsflächen zum Beispiel in Neubausiedlungen dar. In solchen Bereichen ohne Durchgangsverkehr teilen sich alle Verkehrsteilnehmer den vorhandenen Raum. Damit werden Personen, die zu Fuß unterwegs sind, nicht mehr an den Rand gedrängt sondern verfügen über mehr Fläche zur Bewegung.

Solch ein verfügbarer Raum darf andererseits aber auch nicht zu groß werden – es sollten möglichst keine großen, leeren Flächen entstehen, da diese nicht im ganzen Umfang genutzt werden. Sinnvoller ist eine kleinteilige Gestaltung des öffentlichen Raumes mit Verweilmöglichkeiten. Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch „Städte für Menschen“, das vergangenes Jahr auf Deutsch erschienen ist. Eigentlich sind die darin beschriebenen Aspekte ganz selbstverständlich und uns allgegenwärtig – aber vielleicht wurden sie deswegen lange Zeit nicht als Maßstab herangezogen sondern schlicht übersehen.

Bochum ist schon lange aktiv bei der barrierefreien Gestaltung von Verkehrsflächen. Noch bevor es einheitliche Regelblätter z.B. für blindengerechte Gestaltung von Querungen gab, wurden hier schon zumindest Aufmerksamkeitsfelder verbaut. In dieser Hinsicht hat Bochum also eine Vorreiterrolle eingenommen.

Die (finanziellen) Möglichkeiten zur Umgestaltung unserer Plätze sind natürlich begrenzt. Aktuell wird aber z.B. ein integriertes Stadtentwicklungskonzept für die Wattenscheider Innenstadt aufgelegt, bei dem auch die Plätze betrachtet und wahrscheinlich teilweise umgestaltet werden. Weitere solcher Stadtentwicklungskonzepte befinden sich in Vorbereitung.

In der Bochumer Innenstadt sowie in Wattenscheid und Gerthe gibt es zusätzlich Wegweisungssysteme für Fußgänger und Fußgängerinnen. Wir werden das System zwar nicht in naher Zukunft auf die gesamte Stadt ausdehnen, an zentralen Orten wie z.B. dem Westpark sollen aber ebenfalls zusätzliche Wegweisungen entstehen.

VeloCityRuhr: Danke für die ausführlichen Antworten und viel Erfolg.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

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