Weihnachtswünsche der velocityruhr.net-Autoren für 2016

Symbolbild: Das Thema Radverkehr kommt uns nicht abhanden (Foto: Isengardt unter CC-BY-Lizenz)
Symbolbild: Das Thema Radverkehr kommt uns nicht abhanden (Foto: Isengardt unter CC-BY-Lizenz)

Am 24. 12. um 15:00 Uhr ist die Geschenke-Primetime in Deutschland, genug Grund für uns, die Wünsche der Autoren für nächstes Jahr zu verraten. :-)

Norbert Paul

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert: Eine Radfahrerin wurde lebensgefährlich verletzt bei einem Unfall auf auf einem Radfahrstreifen, der den Pressebildern zu Folge, typische Schutzstreifenbreite hat und direkt an parkenden Autos vorbei führte.„Eine Radfahrerin war kurz nach 8.30 Uhr auf dem Radfahrstreifen der Fahrbahn stadteinwärts unterwegs, als ein 41-jähriger Opel-Zafira-Fahrer aus seinem rechts in einer Parkbucht abgestellten Fahrzeug ausstieg.“ berichtet die Neue Westfälische. Wohin hätte die Frau ausweichen sollen, als die Autotür vor ihr geöffnet wurde? Wenn man nur die Auswahl an Unfällen, bei denen Radfahrer*innen unschuldig verletzt oder getötet werden, von denen der Blog PresseRad berichtet, betrachtet, kann es sich nicht um einen Einzelfall handeln. Das habe ich im Hinterkopf, wenn ich mitbekomme, dass mal wieder viel zu schmal geratene Infrastruktur geplant wird, wie z. B. in Dortmund Hombruch. (s. Bericht). Ich glaube, dass die Verwaltung in Dortmund häufig anders planen würde, wenn sie den entsprechenden politischen Rückhalt hätte, da ich bei allen Mitarbeiter*innen, die ich bisher kennen gelernt habe, den Eindruck hatte, dass diese für Rad- und Fußverkehr offen sind – zumindest offener als die Politiker*innen.

Daher wünsche ich mir, dass die Verwaltung wenigstens in Antworten die ganzen Folgen reinschreibt, die das Durchwurschteln hat. In dem angesprochenen Fall sollte offen in der Antwort an die BV die Konsequenzen kommuniziert werden: Es wird auf die Sicherheitsräume verzichtet und der Schutzstreifen hat Mindestmaß und nicht Regelmaß etc. Das hängt damit zusammen, dass kein Parkplatz wegfallen soll. Das führt auch dazu, dass der Gehweg an vielen Stellen auch nicht gerade einladend breit sein wird. Stattdessen wird nur geschrieben: Ja, geht. Man kann der Politik die Wahrheit zumuten, dass solche Maßnahmen mit größter Wahrscheinlichkeit weder zu mehr Rad- noch zu mehr Fußverkehr führen werden, auch wenn das am Selbstbild einer Fraktion rütteln mag. Und auch die anderen Fraktionen sollen hinterher nicht sagen können, dass sie das nicht gewusst hätten. Und vor allem möchte ich nicht mehr hören, es wäre doch so viel für den Radverkehr getan worden mit dem Unterton, ich solle doch dankbar sein, Nein, wenn wieder mal Gehweg gegen die Vorsätze des AGFS in Parkplätze umgewandelt werden, dann werde ich garantiert nicht dankbar sein.

Die offene Kommunikation der Folgewirkungen mag zwar dazu führen, dass mache Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Lieber keine als eine schlechte Maßnahme, die eh keinen Erfolg bringen wird. Die Politik darf auch erfahren, dass die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen erst kommen werden, wenn die Infrastruktur gut ist. Wenn man erst für Rad- und Fußverkehr attraktive Infrastruktur schaffen will, wenn es genug Masse gibt, wird sich nichts ändern. Und klar wird es am Anfang knirschen. Wenn man in heutigen Tempo-30-Zonen wieder Tempo-50 einführen würde, wäre das Geschrei genauso groß wie damals, als der Untergang des Abendlandes vor der Haustür beginnen sollte.

Also: Liebe Verwaltung: Mutet der Politik die Konsequenzen und Folgen der Beschlüsse zu, die sich die Politik ins Guthabenkonto schreiben wollt. „Der Vorschlag kann umgesetzt werden, führt aber voraussichtlich zu mehr CO2-Ausstoß und verstößt damit gegen den Beschluss …“ „Der Vorschlag kann umgesetzt werden, wird aber gemäß den unten aufgeführten Untersuchungen den Radverkehrsanteil nicht erhöhen. Einzelne Maßnahmen bringen nur etwas, wenn sie in ein Netz eingebunden sind. Dafür wären noch folgende Maßnahmen nötig: …“ usw. usf.

Simon Knur

Mein Wunsch wäre, dass die Städte wieder nutzbarer werden für Senioren, körperlich beeinträchtigte Menschen und besonders für Familien. 2015 sind viele Stadtteile und die Neubauten von Verkehrswegen immer noch im Stile der 1960er Jahre. Das bedeutet am Ende, dass die Kinder dicker werden, weil die Playstation „sicherer“ ist als der Bewgungsraum vor der Haustür. Der Platz draussen ist zu allem Übel  rücksichtslos zugeparkt mit „heiligem Blech“, an das  ja kein Kratzer kommen darf. Das ist nur noch Parkraum an Orten, der eigentlich vor allem Lebensraum für Menschen sein sollte. Die Politik wird ihrer Rolle als zukunftsgestaltenen Gremium nicht mehr gerecht, da nur noch kurzfristige Interessen gewahrt werden, langfristige Veränderungen werden gemieden oder Unternehmen überlassen. Immer öfter kommt es so zu Konflikten zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik. Initiativen mit eigenem Wertesysetem ersetzten immer öfter die von der Politik nur noch begleiteten, bestaunten oder sogar bekämpften Veränderungen, egal ob sie Transition Town, Critical Mass, Freifunk, Essen packt an oder wie diese Strukturen auch immer heißen. Die fehlende Innovationsgeschwindigkeit der Politik wird so zum Hemmschuh der modernen Stadtgesellschaft. Für eine Lebenswerte Stadt braucht man eine entschlussfreudige Politik, die die anstehenden Herausforderungen der nächsten 30 Jahre aktiv gestaltet. Abkommen wie in Paris machen zaghaft deutlich, dass ein „weiter wie bisher“ nicht mehr zukunftsfähig ist, gestaltet und gelebt wird aber in den Städten …

Fabian Menke

Auch wenn ich mich der Wünsche der Vorschreiber nur anschließen kann, habe ich auch noch einen eigenen Wunsch. Es betrifft die fast ausschließlich für oder wegen des Motorisierten-Individual-Verkehrs (MIV) überall im Raum montierten Lichtsignalanlagen. Sie dienen der Steuerung des Straßenverkehrs und ordnen für Verkehrsteilnehmer ein bestimmtes Verhalten an, indem gesteuerte Lichtsignale abgegeben werden. Der Einsatz von Lichtsignalanlagen hat unterschiedliche Gründe, beispielsweise um den Verkehrsfluss zu verbessern und gefährliche oder gefahrenträchtige Verkehrssituationen zu entschärfen.

Leider dienen sie aber vorallem dem MIV. Möchte ich als Fußgänger eine Straße queren, bleibt mir oft nichts anderes übrig, als in der Mittelinsel eine Zwangspause einzulegen, weil die nächste Ampelphase nicht gleichzeitig grün zeigt. Auch Radfahrer*innen werden an Lichtsignalanlagen häufig an ihrem zügigen Vorankommen gehindert. So sind viele Straßenbegleitende Rad- und Fußwege mit nur einem Signal für beide ausgestattet, obwohl ein Radfahrer*in den Kreuzungsbereich viel schneller überwinden kann. Hinzu kommt, dass man sich das Signal erst durch Knopfdruck an der der Lichtsignalanlage anfordern muss. Bei MIV geht das automatisch per Induktionsschleife in der Fahrbahn. Und damit wären wir schon am Kern meines Wunsches:

Lichtsignalanlagen sollen für alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen gut funktionieren.

Dazu ein Beispiel aus den vergangenen Tagen: In einem Kreuzungsbereich möchte ich links abbiegen. Es gibt einen Fahrradschutzstreifen am rechten Fahrbahnrand, an der Lichtsignalanlage aber keine gesonderte Aufstellfläche zum Linksabbiegen, aber auch keine Markierung für indirektes Linksabbiegen. Dementsprechend ordne ich mich frühzeitig auf der Linksabbiegerspur ein. Ich stehe als erster an der weißen Haltelinie. Nachdem andere Fahrtrichtungen schon das zweite Mal Grün hatten, habe ich dem hinter mir stehenden Fahrzeug signalisiert, dass er bis auf die Induktionsschleife vorfahren soll. Im nächsten Zyklus bekamen wir dann auch endlich Grün. Das ist eine Situation, die sich an vielen, aber nicht an allen Kreuzungen wiederholen lässt. Technisch scheint eine Erkennung von Radfahrer*innen grundsätzlich möglich zu sein, sonst würde es die Probleme überall geben. Das was mich an dieser Situation besonders stutzig gemacht hat: Das hat hier die letzte Jahre immer problemlos funktioniert, nur jetzt scheinbar nicht mehr.

So, genug der Wünscherei! In diesem Sinne allen Leser*innen frohe Weihnachten und weiterhin ein frohes „Wir radeln schon mal vor“!

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

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