Wenn Grüne den Radverkehr fördern wollen, geht die Sicherheit flöten – Ein Beispiel aus Dortmund

logo-gruenDie E-Autofahrer*innen-Partei Bündnis 90/Die Grünen schreiben sich die Förderung des Radverkehrs in Dortmund auf die Guthabenseite ihrer politischen Bilanz. Was heißt das in der Realität?

Auf Initiative der CO2-Ausgleichszertifikate-Vielflieger-Partei soll die Löttringhauser-Straße in Dortmund im nächsten Jahr Schutzstreifen bekommen.1 Mangels Geld wird nur die Fahrbahn saniert ohne die Bordsteine zu versetzen, so dass dem Fußverkehr Raum genommen wird, um Parkplätze anzulegen. Nur so sind beidseitig Schutzstreifen mit je 1,25m Breite möglich. Das ist das Mindestmaß nach den ERA 2010 und nicht das Standardmaß. Die wirklich wichtigen Sicherheitsabstände nach den ERA 2010 fehlen ganz. Die Verwaltung argumentiert auf meine Nachfrage damit, dass es keine häufigen Parkwechsel gäbe und die Akzeptanz der Radverkehrsanlagen sinken würde, wenn Parkplätze wegfallen würden.  Ich fahr regelmäßig in Dortmund an einer vielbefahrene Straße auf dem Schutzstreifen und habe dort immer ein mulmiges Gefühl, wenn auf der einen Seite kein Sicherheitsabstand zu parkenden Autos besteht und auf der anderen Seite Autos ohne Sicherheitsabstand überholen. Wenn da eine Tür vor mir aufgerissen wird und auf der anderen Seite ein Laster kommt, war’s das mit mir oder ich liege wochenlang in der Klinik und habe Folgeschäden. Die Häufigkeit des Ein- und Aussteigen spielt dabei – wenn es denn dann passiert – keine Rolle für die Folgen. Gerade wenn es selten passiert, lässt bei ortskundigen Menschen vermutlich eher die Aufmerksamkeit nach.

Bei einer Fahrbahnbreite zwischen 7,00 und 7,30m verbleibt dann eine zwischen 4,50 und 4,80 Metern zwischen den Schutzstreifen. Das ist natürlich zu wenig für die Begegnung von 2 KFZ, so dass diese eh andauernd den Schutzstreifen überfahren werden. Da hätte man auch gleich das Standardmaß oder mehr für den Schutzstreifen nehmen können. Faktisch wird man dort dann immer ohne Seitenabstand überholt werden, so den Schutzstreifen nur die nutzen werden, die „mutiger“ sind und die würden auch ohne Schutzstreifen dort fahren. Alle anderen fahren dann da vermutlich einmal und weichen auf den 1,50- 2,00 Meter breiten Gehweg aus. All das werden die Grünen aber sicherlich nie mitbekommen … Auf jeden Fall ändert sich der Radverkehrsanteil durch solche Maßnahmen nie im Leben in statistisch signifikanten Maße, selbst wenn das ganze Stadtgebiet damit versehen wird. Das ist Fake-Radverkehrsförderung und ich denke, dass dies auch die Copenhagenize-Anhänger so sehen dürften.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

17 Gedanken zu „Wenn Grüne den Radverkehr fördern wollen, geht die Sicherheit flöten – Ein Beispiel aus Dortmund

  • 19.12.2015 um 10:38
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    Die Argumentation „keine häufigen Parkwechsel“ kenne ich leider auch zu genüge. Was dabei immer verkannt wird: Es reicht ein umumsichtiger Parkvorgang um dich vom Rad zu holen. Generell sehe ich diese Schutzstreifen, früher hießen die „Angebotsstreifen“ – das fand ich viel passender, inzwischen sehr kritisch.

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    • 19.12.2015 um 15:41
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      … und weil die – so meine Vermutung – so billig sind und auf den Autoverkehr ohne Einfluss sind, werden die hier so gerne genutzt. Und hinterher wundert man sich, dass der Radverkehrsanteil sinkt.

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  • 19.12.2015 um 14:53
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    Haben Sie das der Stadtverwaltung bzw. den Grünen nochmals gesagt, warum deren Vorschlag nichts gescheites ist? Ich fahre öfter mal die Bornstraße, da ist es ein ähnliches Theater. Noch dazu kapieren viele Leute nicht, dass man auf dem Radweg nicht läuft, sondern fährt.

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    • 19.12.2015 um 15:42
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      Von der Verwaltung habe ich noch keine Antwort bekommen und an die Politik habe ich noch nicht geschrieben.

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  • 19.12.2015 um 19:31
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    Norbert, hast du die 1,25m ohne Sicherheitsabstand direkt von der Verwaltung? In der sechs Monate alten Drucksache, die du verlinkt hast, steht dazu nichts.

    In der langen Liste von Schwachpunkten, die die ERA haben, sind die Schutzstreifen ein besonderer Tiefpunkt und die Ausführungen zum nicht erforderlichen Sicherheitsabstand „bei wenigen Parkvorgängen“ so unglaublich schlecht, dass ich mir beim ersten Lesen die Augen reiben musste.

    Aber nicht einmal die ERA halten 1,25m für ausreichend: „Bei wenigen Parkvorgängen und beengten straßenräumlichen Situationen kann der Schutzstreifen einschließlich Sicherheitsraum 1,50 m breit sein. “ (S. 23). Natürlich ist beides völlig unbenutzbar, aber es würde durchaus ins Bild passen, wenn Dortmund die schlimmste Stelle der ERA nochmals unterbieten wollte.

    Die geringe Breite von Schutzstreifen wird theoretisch dadurch gerechtfertigt, dass sie Teil der Fahrbahn sind, Autofahrer also mindestens 1,5m Abstand halten müssen und folglich bei Gegenverkehr nicht überholen dürfen. Da 98% der Autofahrer das nicht wissen (woran sich auch nichts ändert, da Fehlverhalten nicht sanktioniert wird), sind Schutzstreifen keine geeignete Führungsform des Radverkehrs. Wenn man so einem Murks dann auch noch neben parkende Kfz setzt, hat man ein zuverlässiges Mittel gegen einen höheren Radverkehrsanteil gefunden: Wers sich auskennt, muss mit akkustischer Untermalung links vom Strichlein fahren oder Umwege in Kauf nehmen, um die Fehlplanung zu umfahren. Und die Gelegenheitsradler und Neueinsteiger, die wir so dringend zur Erhöhung des Radverkehrsanteils brauchen, lernen an solchen Stellen, dass Radeln in der Stadt stressig ist und Mut erfordert, und gewöhnen sich daher an genau solchen Stellen das Radeln ab.

    Liebe Grüne, liebe Verwaltung: Bitte den Satz „Schlechte Infrastruktur ist schlechter als gar keine Infrastruktur“ hundert mal abschreiben und über den Schreibtisch hängen.

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    • 19.12.2015 um 20:17
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      hast du die 1,25m ohne Sicherheitsabstand direkt von der Verwaltung?

      Beharrlich erfragt, ja.

      Da 98% der Autofahrer das nicht wissen (woran sich auch nichts ändert, da Fehlverhalten nicht sanktioniert wird), sind Schutzstreifen keine geeignete Führungsform des Radverkehrs.

      Heißt aber vor allem auch: Das ist für den Durchschnittsdeutschen nicht intuitiv.

      Ich bin auch kein Schutzstreifenfan. Aber es gibt deutlich bessere Varianten als in Dortmund. Hier ein Beispiel aus Basel:

      Das liegt im Grenzgebiet im Gewerbegebiet. Da sieht man fast nie jemand mit dem Rad und trotzdem hat man dort eine Schutzstreifen markiert. Gelb wird da alles für den Radverkehr markiert, so dass keiner sagen könnte, es hätte ausgesehen wie ein Seitenstreifen o. ä. So kann da keiner auf die Idee kommen, einen da weg zu hupen, die Straße wirkt schmaler und 1,60 m inkl. 0,15 m Begrenzung macht einen gewaltigen Unterschied zu 1,25 m inkl. 0,25 Begrenzung. Die Strecke ist neu, ich habe also keine praktischen Erfahrungen und es gibt sicherlich bessere Bsp. in Basel, aber ich habe gerade das Foto zur Hand.

      Meine Eingabe nach § 24 Abs. 1 Satz 1 GO NRW zur ersten Sitzung des Bezirksvertretung Hombruch der Stadt Dortmund im Jahr 2016 ist vorhin raus gegangen. Ob da jemand die 3 Seiten Text liest?

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      • 19.12.2015 um 22:35
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        Das Bild mag täuschen, aber richtig toll wirkt das nicht. Links ein kleiner LKW, rechts ein Rad mit Kind im Hänger – enspannt ist das nicht. Aber klar, ohne daneben parkende Autos ist das Hauptproblem gelöst. Selbst in Dortmund, siehe Gardenkamp. Als absolute Notlösung in bestehenden Straßen und ohne parkende Autos – von mir aus, wenn alle besseren Lösungen wirklich nicht umsetzbar sind. Aber im Neubau wie im Bild oben oder im Gardenkamp eine bestenfalls viertklassige Lösung? Das ist nicht gut genug, wenn du einen hohen Radverkehrsanteil willst.

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          • 21.12.2015 um 23:51
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            Bei Google kommt mir ein 40-Tonner entgegen. Ich gehe davon aus, dass die jetzt anders geführt werden und dort schlimmstenfalls Transporter oder vergleichbare kleine Lkw unterwegs sind. Wenn der Radverkehr sich diese „Hohle Gasse“ mit 40-Tonnern teilen muss, auf zu engem Raum nur geschützt von einem Strichlein, dann halte ich das für ungeeignet, wenn man einen hohen Radverkehrsanteil will.

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            • 22.12.2015 um 0:06
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              Was hier ein gutes Beispiel wäre, ist dort ein schlechtes. Beim Umbau hier, hätte man bestimmt einen einseitigen Rad- und Gehweg gebaut oder einfach die Durchfahrt gesperrt.

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              • 22.12.2015 um 0:18
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                So viele Radwege etc. gibt es in Basel nicht und es braucht die auch nicht. Mein parzieller Eindruck geht dahin, dass man da auch zur billigsten Lösung tendiert. Andere Schutzstreifen aus den letzten Jahren sind deutlich breiter. Hier einer, der 1,65 Meter breit ist (inkl. Markierung.)

                Wenn man von DO-Standard 50 cm Schutzraum abzieht, ist das Exemplar also doppelt so breit.

                Man achte auch auf die Erreichbarkeit der Ständer (keine Felgenbrecher) und die Anzahl am Vorortbahnhof rechts im Bild. Am anderen Eingang gibt es noch mehr Ständer. Das Foto ist Sonntag Vormittags entstanden, deshalb steht da kaum ein Rad.

                Es auch Schutzstreifen mit 2,05 Meter mit Bus + Taxi-Spur als Trennung zur Sonstiges-Spur.

                Ob sich das da auch Schutzstreifen nennt, weiß ich nicht.

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  • 19.12.2015 um 19:43
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    Gibt es Zuschüsse vom Land für de Suggestivstreifen? Falls ja: wird evtl. ein gaanz kleines bisschen für die Sanierung der Fahrbahn „abgezwackt“?

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  • 20.12.2015 um 21:36
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    Das ist Stuss: „Auf Initiative der CO2-Ausgleichszertifikate-Vielflieger-Partei“

    Die Antwort der Stadtverwaltung Dortmund auch.

    Die 1,25 m ist nicht zulässig, die Mindestbreite muss 1,50 m sein [was unverändert u wenig ist]. Schlimmer ist aber, dass DIE VERWALTUNG die PKW komplett auf dem Gehweg abstellen möchte.

    Das lesen Verwaltung und Politiker ungern: http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/20656490_Lebensgefahr-Radfahrerin-weicht-aus-und-prallt-gegen-Linienbus.html

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    • 20.12.2015 um 22:00
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      Es gab vor ein paar Monaten eine Untersuchung, die herausgefunden haben will, dass die Anhänger der Grünen am meisten fliegen. Ging damals durch die Medien.

      Den verlinkten Artikel habe ich in meiner Eingabe an die zuständige BV aufgegriffen.

      Das mit den Parkplätzen ist entgegengesetzt zu den ausgegeben Zielen der AGFS.

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