Fahrradabstellplätze an neuen Berufsschulen: Update zu „Neue Radverkehrsinfrastruktur in Dortmund mal wieder aus dem Museum der Radverkehrsplanung“

Es gibt neues zur Meldung, in der es um die Radabstellmöglichkeiten an den neuen Berufsschulen in Dortmund ging. Neben den Felgenbiegern sind auch Anlehnbügel aufgetaucht:

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Jedoch ist der erste schon wieder beschädigt:

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

An Vandalismus interessierte Mitbürger*innen können das auch in Ruhe tun, liegt die Abstellanlage doch sehr abseits hinter den Schulen ohne soziale Kontrolle, wenn nicht gerade im FZW etwas ist, aber ob das dann im Zweifelsfall Vandalismus vorbeugt oder erst hervorruft, wäre zu diskutieren.

In dem Buch „Radverkehr von A-Z“ von FGSV-Gegenstück C.R.O.W. aus den Niederlanden hieß es schon vor 20 Jahren1:

Außerdem legen sie Wert drauf, daß ihr Rad an einer steht, an der soziale Kontrolle gewährleistet ist. Darum ist es wichtig, den Standort der Fahrradständer mit Sorgfalt auszuwählen. Allgemein zeigt die Erfahrung, daß richtig plazierte Fahrradeinzelständer oder – reihenanlagen duch die Radfahrer gut angenommen werden. Dahingegen werden schlecht plazierte Fahrradständer nicht benutzt.

 

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Wie auch immer: Dortmund ist langjähriges Mitglied der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW. Das Know-How hat sich scheinbar trotzdem noch nicht in der Verwaltung verbreitet. zu Recht stellt die AGFS fest2:

Von Vorderradklemmen wird dringend abgeraten, denn der Halt ist unzureichend, der Rahmen kann nicht angeschlossen werden und die Felge wird leicht verbogen damit wird niemand Freude haben.

Auf dem Gelände kann man sehen, dass weitere Felgenbieger folgen werden.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Aber auch mitten auf dem Schulhof gibt es 14 Abstellplätze. Wie sinnvoll es ist, die Räder mitten auf einem hochgradig öden Schulhof abzustellen, ist dann die nächste Frage. Der reizarmen, rückzugsortsfrei, sitzgelegenheitsarme und fast komplett versiegelte Schulhof regt sicherlich nicht zu einer sinnvollen Pausengestaltung ein.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Je zeitgleich nutzbarem Ausbildungsplatz empfiehlt die Handreichung der AGFS zum Fahrradparken3 0,2 Stellplätze bei Berufsschulen. Bei 6.000 Berufsschüler*innen sind sicherlich nicht immer aller planmäßig an der Schule. Das wären je 1.000 Ausbildungsplatz in der Schule 200 Stellplätze. Aktuell sind es 24 + 7 + 7 = 38 echte Stellplätze. Wenn man annimmt, dass maximal die Hälfte der Schüler*innen gleichzeitig anwesend sein muss, wären dass 562 Stellplätze zu wenig. Es müsste also fast 15 mal so viele Stellplätze geben, da nur gut 6% der empfohlenen Stellplätze vorhanden sind. Selbst wenn noch einzelne Ständer kommen, bleibt die Versorgung mangelhaft. Deutlich besser ist die Situation für Autofahrer. Im öffentliches Parkhaus stehen 510 Stellplätzen zur Verfügung, die fast alle überdacht sind.4 Das findet die Stadtelternschaft aber zu wenig.5

Es ist nicht verständlich, dass schon ab 1.September diesen Jahres die zurzeit gut genutzte Parkfläche westlich des U- Komplexes ersatzlos, wenn auch vorläufig, gestrichen werden soll. Wir fordern auch hier den Fortbestand der Nutzung dieser Parkflächen und zwar besonders auch nach Eröffnung der Schulen und der Tiefgaragenanlage. Wie sonst soll der Bedarf an Parkplätzen für die Angestellten des Komplexes und der neu hinzukommenden Beschäftigten der Schulen und der anreisenden Schüler aus dem Umland gedeckt werden.

Für die notwendige Anzahl lohnt ein Blick in Anlage zu Nr. 51.11 VV BauO NRW.6 Für  Sonstige allgemeinbildende Schulen, Berufsschulen, Berufsfachschulen werden 1 Stpl. je 25 Schüler, zusätzlich 1 Stpl. je 5–10 Schüler über 18 Jahre vorgesehen als Orientierungswerte. Dazu heißt es in der VV BauO NRW7:

Grundsätzlich ist die Zahl der notwendigen Stellplätze jeweils im Einzelfall zu ermitteln, dabei ist von den in der Gemeinde vorhandenen Erkenntnissen (über die örtlichen Verkehrsverhältnisse z.B. aufgrund eines Verkehrsgutachtens) auszugehen.
Erst wenn für den zu entscheidenden Fall keine ausreichenden Erkenntnisse vorliegen, ist von den Zahlen der in der Anlage zu Nr. 51.11 abgedruckten Tabelle auszugehen, um die Zahl der herzustellenden Stellplätze unter Berücksichtigung der örtlichen Verkehrsverhältnisse und des ÖPNV zu bestimmen.
– Dabei ist zunächst zu ermitteln, ob das Bauvorhaben überdurchschnittlich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann; in diesem Fall ist die sich aus der Tabelle ergebende Mindestzahl der notwendigen Stellplätze um bis zu 30 vom Hundert zu mindern.
Ein Bauvorhaben kann z.B. dann überdurchschnittlich gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden, wenn
– es weniger als 400 Meter von einem ÖPNV – Haltepunkt entfernt ist und
– dieser Haltepunkt werktags zwischen 6 und 19 Uhr von mindestens einer Linie des ÖPNV in zeitlichen Abständen von jeweils höchstens zwanzig Minuten angefahren wird.
Eine überdurchschnittlich gute Erreichbarkeit mit Mitteln des ÖPNV kann auch auf andere Gesichtspunkte gestützt werden. In Betracht kommt, dass ein Haltepunkt zwar weiter entfernt oder die Taktfolge ungünstiger ist, das öffentliche Verkehrsmittel jedoch besonders attraktiv ist, etwa weil die Linie gut an den überregionalen Verkehr angebunden ist oder im Vergleich zum örtlichen Kfz – Verkehr einen rascheren Transport ermöglicht (Busse oder Straßenbahnen auf eigener Spur, U – Bahnen und dgl.).

Nehmen wir wieder wie oben 3.000 Schüler*innen als Größe an für die Modellberechnung. Das sind 120 (1 je 25 Schüler) und 200 (zusätzlicher Stellplatz je 10 Schüler*in über 18; Annahme 1/3 jünger als 18) gleich 320 Stellplätze. Dank Nähe zum Hbf und Stadtbahnhaltestelle Westentor kann die Mindestzahl um 30% geringer angesetzt werden. Das wären dann 224 notwendige Stellplätze. Selbst wenn von den 510 Parkplätzen nicht alle für die Schule zur Verfügung stehen, stehen genug zu Verfügung.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Und was sagt die Schuldezernentin von der Flugticket-CO2-Ausgleichszertifikatspartei zu dem Schulbau8:

Mit der neuen Ausstattung sind die beiden Schulen nicht nur auf der Höhe der Zeit, wie Daniela Schneckenburger feststellte, sondern wohl auch der bundesweit bestausgestattete Ausbildungsstandort, so [Klaus] Manegold [als Schulleiter des Robert-Bosch-Kollegs].

Diese E-Autofahrer-Partei, die solche Probleme nicht sieht, brüstet sich im Newsletter aktuell mit den angeblichem Einsatz für den Radverkehr9:

Die wichtigsten von uns erreichten Punkte im Haushalt:
[…] Der Rat stellt fest, dass eine Aufstockung der Mittel für die Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur in Höhe von 600.000 € erforderlich ist.
Damit soll der Radverkehr eine entsprechende Beachtung in allen verkehrstechnischen Planungen der Stadt erhalten, um die Ziele der fahrradfreundlichen Stadt mit mindestens 10 % Radverkehrsanteil zu erreichen. Die Verwaltung wird beauftragt, dem AUSW bis Ende März 2016 geeignete Maßnahmen vorzuschlagen. Wenn sich im Laufe der Bewirtschaftung des Haushaltsjahres 2016 herausstellen sollte, dass die investiven Mittel zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur fehlen sollten, wird die Verwaltung beauftragt, im Rahmen von überplanmäßigen Mittelverlagerungen diesen Ansatz zu verstärken.

Was bringt die Investition in zu schmale Schutzstreifen, wenn man – so man das Ziel erreicht – das Fahrrad dort nicht abstellen kann? Sicher abstellen kann man sein Fahrrad sicherlich nicht mitten auf einem zu Vandalismus einladenden öden Schulhof noch völlig abseits ohne soziale Kontrolle. Das die Ständer im Gegensatz zu den Stellplätzen im Parkhaus dann auch nicht überdacht sind, wundert dann schon nicht mehr. Gerade die Stadt Dortmund sollte aber als Vorbild voran gehen, damit private Investoren dann nachziehen. Ganz davon abgesehen dass § 51 BauO NRW eh vorschreibt, Fahrradabstellplätze vorzusehen.

Ergänzung 15. 12. 2015 12:18:

Der Abschnitt mit dem C.R.O.W.-Zitat wurde ergänzt.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

2 Gedanken zu „Fahrradabstellplätze an neuen Berufsschulen: Update zu „Neue Radverkehrsinfrastruktur in Dortmund mal wieder aus dem Museum der Radverkehrsplanung“

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