Wofür steht die AGFS-Mitgliedschaft?

Obwohl die kommunale Kommunikation der Mitgliedschaft immer wieder den Eindruck erweckt, die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW-Mitgliedschaft sein eine Zertifizierung der guten Situation, ist die offizielle Ausrichtung eine andere. In der Satzung heißt es in § 5 Nr. 2 Satz 11:

Die Aufnahme als ordentliches Mitglied setzt die Verleihung der Eigenschaft „Fußgänger- und Fahrradfreundliche Stadt“, „Fußgänger-und Fahrradfreundliche Gemeinde“, „Fußgänger- und Fahrradfreundlicher Kreis“ oder „Fußgänger- und Fahrradfreundliche Städteregion“ durch das zuständige Landesministerium voraus, und zwar im Sinne des Leitbildes der AGFS.

Im Leitbild heißt es bei den Zielformulierungen aber nicht „Wir sind“ sondern „Wir wollen“, z. B.2:

Wir wollen den Radverkehrsanteil in den Städten auf durchschnittlich 25 % und den Modal Split-Anteil des nicht motorisierten Individualverkehrs […] auf über 60 % steigern.

Dass heißt, dass die Mitgliedschaft eine Willenserklärung ist, in der Zukunft etwas besser zu machen. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch ein bisschen ein implizites Eingeständnis, dass man mit dem Istzustand nicht wirklich zufrieden ist und es Verbesserungsbedarf gibt. Die Mitgliedschaft bedeutet also, dass man sich einem Ziel verpflichtet, um irgendwann vielleicht mal auszeichungswürdig zu werden3:

Unser generelles Ziel ist es eine moderne, sozial- und umweltverträgliche Mobilität in unseren Städten und Gemeinden zu fördern, ein Höchstmaß an Aufenthalts- und Bewegungsqualität zu schaffen und damit die Lebensqualität für unsere Bürger zu optimieren. Dabei sieht die AGFS gerade in der Förderung des nicht motorisierten individuellen Verkehrs die Chance und das Potenzial, die Funktionalität und Qualität des Lebensraums Stadt auf Dauer zu sichern.

Die meisten Ratsvertreter*innen haben sich aber vermutlich nie damit beschäftigt, dass der beschlossene Mitgliedsantrag nicht der Auszeichnung ihres Wirkens dient, sondern das Ziel ausgibt, es genau anders zu machen4:

Wir erkennen das Fahrrad als Maßstab für die Stadtentwicklung an, wie dies z. B. in den meisten niederländischen Städten der Fall ist.

Aber die AGFS trägt selber zum falschen Bild bei, dass die Mitgliedschaft eine Bestätigung sei, dass man schon fahrradfreundlich sei. So heißt es in einer Pressemitteilung5:

„Das Prädikat „fußgänger- und fahrradfreundlich“ ist ein Qualitätssiegel. Deshalb werden alle 76 Mitgliedskommunen regelmäßig von einer Kommission bereist. Dabei wird überprüft, welche Fortschritte bei der Infrastruktur, bei Kommunikation und Serviceangeboten für Radfahrer und Fußgänger gemacht wurden.“, erklärt Christine Fuchs.

Update 19. 12. 2015 03:20: Der letzte Absatz wurde ergänzt.

1 s. Satzung
2 s. Leitbild Seite 37
3 s. Leitbild Seite 36
4 s. Leitbild Seite 37
5 s. Pressemitteilung

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

Ein Gedanke zu „Wofür steht die AGFS-Mitgliedschaft?

  • 06.11.2015 um 9:30
    Permalink

    Das ist dann wohl wie bei einem richtig schlechten Weihnachtsgeschenk.
    Es ist der Wille der zählt ;)

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