Frage der Woche 14: Radverkehrsfreier RS1?

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Auf der Webseite der Stadt Mülheim steht lapidar1:

Die Stadt Mülheim an der Ruhr ist fahrradfreundlich.

Worin sich das äußert, teilt die Stadt-Webseite nicht mit. Weiter heißt es dort:

Sie finden hier auf den Seiten umfangreiche Informationen und viel Wissenswertes rund um das Rad.

Wo diese Infos sind, ist nicht zu erkennen. Die Homepagesuche findet zu <Fahrrad> nur 77 Treffer, davon allein fünf zu Fundsachen und viele zu vergangenen Veranstaltungen. Die Stadt ist geradehin dermaßen fahrradfreudlich, dass sie versucht eine zeitnahe Realisierung des RS1 in akzeptablem Ausbaustandard zu verhindern2. Wie wenig man in Mülheim an der Ruhr von dem Konzept eines Radschnellweges verstanden hat, offenbart ein Bericht auf der Webseite3:

[…] Herrichtung des Rad- und Fußweges […]  soll ein 21 Kilometer langer Rad- und Wanderweg […] entstehen. […] Der neue Rad-Fußweg […] Denn nachdem die ambitionierte Planung […]  nicht realisiert werden konnte, sieht das gegenwärtige Konzept […]  als sogenannte Hochpromenade vor. Neben dem geplanten Radschnellweg soll auf den Bahnbögen, dem Innenstadt-Teilstück des Rad- und Fußweges, ein „entschleunigter“ Bereich mit Aufenthaltsqualität entstehen, der von Radfahrern und Fußgängern gleich-berechtigt genutzt werden kann. […] sollen den Rad- und Fußweg […] zur Flaniermeile machen […].

Das Wort Radschnellweg kommt genau einmal als Wort vor, die Bezeichnung RS1 gar nicht. Stattdessen ist sprachlich leicht variiert fünft mal von einem Geh- und Radweg die Rede, obwohl die Machbarkeitsstudie als auch insbesondere das Arbeitspapier Einsatz und Gestaltung von Radschnellverbindungen der FGSV4 sowie die Fachbroschüre der AGFS5 – in der Mülheim Mitglied ist – anderes empfehlen. Im FGSV-Arbeitspapier heißt es6:

Radverkehr und Fußverkehr sind im Zuge von Radschnellverbindungen grundsätzlich getrennt zu führen. Nur in Ausnahmefällen, wenn keine andere Führung zu realisieren ist, kann auf kurzen Strecken und bei sehr geringem zu erwartenden Fußverkehr eine gemeinsame Führung in betracht kommen. In Gebieten mit Erholungsfunktion ist eine gemeinsame Führung auszuschließen.

Die Variation Rad- und Wanderweg dürfte den entscheidenden Hinweis darauf geben, worum es der Stadt Mülheim geht: Um Freizeitverkehr. Das ist im Ruhrgebiet nicht verwunderlich, gelten hier verkehrspolitische Visionen als weltfremde Ansichten, die den Status des Ruhrgebietes als größtes Freilichtmuseum zum Konzept der autogerechten Stadt gefährden, und Radverkehr immer noch als eine schnelle Form des Spazierengehens. Beides sind Freizeitaktivitäten. Ob einem der Politikern schon aufgefallen ist, dass Freizeitorte wie der Kemmnader See die Trennung praktizieren? Inzwischen wird nun immer konkreter, wie diese Freizeitraum aussehen soll, berichtet derwesten.de7:

Auf dem Viadukt gilt allerdings: bremsen, anhalten, genießen, rasen verboten. […] Dass Radfahrer […] aber mal bremsen müssen und nicht so flott vorankommen, erfuhren die Ortspolitiker jetzt bei der Beratung der Gestaltungsentwürfe. „Der Radschnellweg hört am Hauptbahnhof auf. Die exzellente Lage auf dem Viadukt hat im Bereich der Innenstadt Promenadencharakter“, […] „Man soll dort auch verweilen und den Ausblick in die Stadt genießen können“, […] Die bald entstehende Hochpromenade dürfe „kein Weg zum Durchbrettern“ werden. Dort bekommen wir ein Kleinod für alle Bürger, mit toller Aufenthaltsqualität zum Genießen“, […]. Mit dieser Radwegpromenade erhalte die Stadt einen neuen Anziehungspunkt mit City-Anbindung.

Es geht also wirklich um Freizeitverkehr, den man sich dort vorstellt, mitten auf dem RS1. Das ist so sinnstiftend, wie eine Tuner-Treffen oder eine Oltimer-Ausstellung auf der A40. Aufenthaltsqualität  ist zudem nachrangig für Wege, die für das zügige Zurücklegen von Alltagswegen gedacht sind. Die Zeiten, als Autobahnen zum Autowandern geplant und gebaut wurden, sind ja auch schon lange vorbei.

Michael Kleine-Möllhoff8 beschreibt die Absurdität sehr schön, indem er beschreibt, wie es wäre, wenn die Sanierung der maroden Duisburger genauso angegangen würde wie der Bau des RS1 in Mühlheim:

Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, ist eine Finanzierung aus Städtebaufördergeldern möglich. Aus diesem Grund wird hier ein völlig neues Konzept mit internationalem Vorbildcharakter umgesetzt. Wegen der herausragenden Lage am Rhein bietet sich der Ausbau zum Aussichtspunkt mit Aufenthaltsqualität und als Promenade geradezu an. „Mann soll dort auch verweilen und den Ausblick auf den Rhein genießen können“ sagt dazu ein hochrangiger Planungsamtsmitarbeiter. Dazu werden die vier Fahrspuren auf eine reduziert. Der Systembruch von der Autobahn zum verkehrsberuhigten Bereich soll auch dem Autofahrer mehr Lebensqualität bringen. Schrägparkplätze auf der Brücke auch für Brummifahrer bieten viel Platz und bringen ein perfektes Pausengefühl. Vielfältige Sitzmöglichkeiten, großzügige Regenschutzdächer und eine Bepflanzung sorgen für einen Rastplatz der Superlative. Rasen wird im Bereich der Brücke natürlich nicht erlaubt. Die vorhanden Blitzer werden auf die zukünftig erlaubte Schrittgeschwindigkeit eingestellt. […] Da die neuen Brücken breiter als die bisherigen ausfallen, müssen auch die Anschlussstücke auf beiden Rheinseiten angepasst werden. Dieser Weiterbau ist derzeit aber noch nicht gesichert und wird wohl noch länger auf sich warten lassen.

Auch zum Unterhalt hat man sich schon Gedanken gemacht. Langfristig wolle man die Instandhaltung an Land oder Regionalverbandes Ruhr (RVR) abgeben, denn die hätten das Projekt ja schließlich bestellt, berichtet derwesten.de weiter. Der RVR hat eine Machbarkeitsstudie erstellt und nichts bestellt und wenn, hat er etwas ganz anderes bestellt9.

Keine Kreuzungen, Ampeln oder Stoppschilder, dagegen Auf- und Ausfahrten, Tunnel und Brücken und somit die Voraussetzung, bequem von wie zügig von A nach B zu gelangen – Streckenführungen, wie sie auf Autobahnen und Umgehungsstraßen Usus sind, Konditionen, von denen die meisten Radfahrer zu träumen nicht wagen. „Warum eigentlich nicht?“ fragte Anfang 2011 der RVR und trat mit einem entsprechenden Vorschlag an die Öffentlichkeit. […] Mit dem Projekt haben wir nicht die Freizeitradler im Visier“, erläuterter damals [… der] RVR den Hintergrund der Planung. Das Wegenetz für Naherholungssuchende galt und gilt als akzeptabel. „Uns interessieren die Pendler.“

Das Konzept, eigene, alte Planungen  dem RVR als Radschnellweg unterzujubeln ist schon bei den Baukosten gelungen. Am 27. März 2015  stimmte die Verbandsversammlung des RVR – ein Gremium aus Politikern – der Übernahme des kommunalen Anteils zu. Bei 8 Metern Breite wären getrennt Wege absolut kein Problem. So könnte der Radschnellweg, der dem RVR vorschwebt, problemlos realisiert werden. Das ganze sieht danach aus, als ob man versucht, andersweitig nicht umsetzbare Planungen – auf der Seite der Stadt ist ja (s. o.) von „nachdem die ambitionierte Planung […]  nicht realisiert werden konnte“ die Rede. Auf die Nachfrage von Seiten der FDP (!) wurde klar, warum der Radschnellweg unterbrochen werden soll: Man will den Radschnellweg aus der Städtebauförderung finanzieren. Warum man nicht nach passenden Fördermöglichkeiten sucht, bleibt unklar. Hier versucht man also wohl einen gescheiterten Plan doch noch umzusetzen, in dem zügig fahrende Radfahrer – in Mülheim heißt das brettern oder rasen –  nicht vorkamen. Das ganze ist so irrsinnig wie wenn die Planung für eine Autobahn durch die durch Planung eines Parks abgelöst wurde, der Park aber immer noch aus dem Verkehrsetat finanziert werden soll und deshalb vor allem aus gepflasterten und geteerten Flächen besteht und es hießt, man könne sich ja das Grün am Rande anschauen.

Und was sagt der RVR zu der Sache. Der beklagt sich darüber, dass er nicht ausreichend eingebunden war, aber fügt sich laut derwesten.de10 dem Willen der Lokalpolitik.

RVR-Planungsleiter Martin Tönnes […] stellte klar, dass der Radschnellweg zwar seine festen Qualitätskriterien habe (vier Meter Radspur und, davon getrennt, zwei Meter Fußgängerbereich). Doch sei klar, dass diese Kriterien an derart prominenter Stelle wie über den Bahnbögen in Mülheims Innenstadt aufzuweichen seien. Schließlich sei hier mit vielen Fußgängern zu rechnen. „Hier sind beide Belange zu berücksichtigen.“ Ein gutes Vorbild könne hier die Nordbahntrasse in Wuppertal sein.

Das wirft dann doch einige Fragen auf. Erstens: Warum baut man an der Stelle bei acht Metern Gesamtbreite dann nicht einfach einen vier Meter breiten Gehweg? Beim Autoverkehrs würde man sicherlich nie so argumentieren, dass der an prominenten Stellen für Geh- und Radverkehr zurück stehen müsste. In Sprockhövel soll  z. B. der durchgehende Geh- und Radweg von Wuppertal nach Hattingen unterbochen werden, damit man ja beim Straßenbau keine Abstriche machen muss11. Zweitens: Wo auf der Nordbahntrasse gibt es an zentraler Stelle Mischverkehrsflächen, um den Radverkehr durch Fußgänger*innen auszubremsen? Drittens: Wie soll der RS1 als Tortur-Strecke ein Alternative zum Ruhrschnellweg oder dem SPNV werden?

Wie auch immer: Ich sehe meine Skepsis bestätigt, die ich von Anfang an hatte und von euphorischen Radfahrern dafür kritisch angeschaut wurde.

Vor diesem Hintergrund daher diese Woche gleich zwei Frage an euch:

1) Werden wir auf dem torsohaftem RS1 dann auch mit Schildern wie „Radfahrer absteigen“, „kein Winterdienst“ oder „Bitte Helm tragen“ rechnen müssen?

2) Mit welchen Vorschlägen werden sich die Kommunen noch gegenseitig unterbieten?

3) Wieviele Pflasterschüttelstrecken, Drängelgitter und andere Schikanen, die vermeidbar wären, werden auf jedem Kilometer dafür werben, im, Alltag im Ruhrgebiet nicht Fahrrad zu fahren?

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

2 Gedanken zu „Frage der Woche 14: Radverkehrsfreier RS1?

  • 05.09.2015 um 7:19
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    Ich kann einfach nicht verstehen, wie man den Sinn des RS1 nicht verstehen kann!
    Ich war diese und letzte Woche ein paar mal in Mülheim a.d.R. beruflich unterwegs, aber mit dem Auto. Radfahren möchte ich da nicht müssen. Das ist für mich eine der unattraktivsten Städte die ich so kenne.
    Aber man könnte ja wirklich mal den Vorschlag machen, auf der A40 nen Verkehrsberuhigten Bereich mit Mischverkehr einzurichten.
    Wo dann auch Radfahrer gemütlich fahren dürfen, einen Platz der zum verweilen einläd.

    Gibt es da nicht jemanden, dem man solche Absichten wie die der Stadt Mülheim zeigen kann, und wo die Stadt dann mal von oben einen auf den Deckel bekommt.
    Ich meine, es müsste doch auch die anderen Städte ärgern, die Geld in so ein Projekt investieren, wenn es dann mitten drin eine Stadt gibt, die das derartig boykottiert.

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    • 09.09.2015 um 23:57
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      Da sind die Chancen wohl eher gering. Wenn eine Promenade gefördert wird und die dann umgesetzt wird, ist alles erst einmal korrekt. Das damit informelle Planung des RVR ausgehebelt wird, dürfte dabei juristisch, politisch etc. belanglos sein am Ende bzw. die informelle Planung wird dann im Rahmen der Abwägung weggewogen …

      Antwort

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