Kronprinzenviertel: Planung eines Geh- und Radweges

28.08.2015 19:57: Unter http://velocityruhr.net/2015/08/15/kronprinzenviertel-2 gibt es eine Fortsetzung.
05.11.2017 04:35: Die ganze Sache ist nicht gut ausgegangen, wie das neuste Update zeigt.

Aktuell wird in den politischen Gremien die Bebauung des ehemaligen Güterbahnhofs Süd thematisiert. In der Drucksache Nr.: 00479-151 heißt es dabei:

Weiterhin geplant ist eine zentral gelegene öffentliche Fuß- und Radwegeverbindung zur Kronprinzenstraße […]. Die Wegeverbindung muss einen Höhenunterschied von circa acht bis neun Metern […] überwinden, so dass ein kombiniertes Treppen- und Rampenbauwerk unter Berücksichtigung des Anspruches an eine barrierefreie Gestaltung erforderlich wird. Der Vorlage sind erste Entwurfsvarianten beigefügt, die im weiteren Verfahren noch […] unter Berücksichtigung aller erforderlichen Restriktionen (Topographie, Baumbestand, Flächenverbrauch etc.) zu konkretisieren und überprüfen sind.

Der Anlage der Drucksache ist zu entnehmen, dass der Weg in dem Bereich 3 Meter breit sein soll. Auch wenn er dort als Fußweg bezeichnet wird, nehme ich mal an, dass es trotzdem ein Geh- und Radweg werden soll.

(Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund)
Variante 1 (Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund)

Bei freier Trassierung sind gemäß den ERA 20102 schon bei einer Entwurfsgeschwindigkeit von 20 km/h (geringe Werte sind dort als Entwurfsgeschwindigkeit nicht aufgeführt) bei asphaltierter Decke Mindestkurvenradien von 10 Metern sinnvoll. Wenn man nun einen Blick auf Variante 1 wirft und man ignoriert, dass eine Kurve nicht aus zweimal 90°-Winkeln besteht, wurde hier mit einem Radius von ca. 3 Metern geplant. Bei höheren Entwurfsgeschwindigkeiten (bei dem Höhenunterschied sind sicherlich auch 30 km/h realistisch) oder ungebundene Decken sind noch größere Radien anzuwenden. Selbst bei geteerte Decke und einer Entwurfsgeschwindigkeit von 20 km/h wird gerade mal 30% des Mindestradius erreicht oder anders ausgedrückt 340% des Entwurfsradius entspräche dem Mindestradius. Bei ungebundener Decke und einer Entwurfsgeschwindigkeit von 30 km/h betrüge der reale Radius 8,5% des Mindeskurvenradiuses nach den ERA 2010. Man stelle sich ein Autobahnausfahrt vor, bei der die empfohlenen Maße dermaßen unterschritten würden. Holla die Waldfee, wäre das ein kompaktes und flächensparendes Autobahnkreuz. Gäbe auch richtig großen Protest.

Variante 2 wartet gleich mit zwei solchen eckigen Kurven auf, wie es sie z. B.  am Phoenixsee oder an der Katharinentreppe – dort aber mit geradem Zwischenstücken – gibt. Gerade bei der Fahrt aufwärts finde ich diese eckigen Kehrtwenden sehr störend, da man seinen individuellen Tretrhythmus nicht beibehalten kann und da entgegen kommenden Radfahrer*innen und Fußgänger*innen i. d. R. warten müssen. Spätestens wenn die Stadt doch ihre heiß geliebten Sperrpfosten aufstellt, wird das ganze nicht mehr sicher und angenehm im individuellen Tretrhythmus befahrbar sein, was an Steigungen wichtig ist.

(Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund)
Variante 2 (Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund)

Eine erste Skizze zeigt, wie die Rampe stattdessen aussehen könnte (den Neigungswinkel habe ich nicht berücksichtigt in der Skizze).

Skizze: Konstruktion der Rampe nach ERA 2010 für asphaltierter Decke und 20 km/h als Entwurfsgeschwindigkeit (Hintergrund: Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund; Zeichnung: Norbert Paul)
Skizze: Konstruktion der Rampe nach ERA 2010 für asphaltierter Decke und 20 km/h als Entwurfsgeschwindigkeit (Hintergrund: Auszug Drucksache Nr. 00479-15 der Stadt Dortmund; Zeichnung mit freundlicher Genehmigung von ComputerWorks GmbH (Vectorworks Deutschland): Norbert Paul)

Auf jeden Fall kann man eine solche Rampe problemlos mit Add-Bikes, Anhängern, Tandems, Lastenrädern nutzen – wenn keine Pfosten im Weg sind.

Was meint ihr: Soll ich mal an die Bezirksvertretung schreiben? Oder habt ihr gar bessere Vorschläge?

Nachtrag 09.08.2015 19:34:

Wer eine Vorstellung davon haben will, wie breit 3 Meter ist und das es nicht überdimensioniert ist: Die Brücke zwischen Obere Brinkstraße und Hermann-Löhns-Straße über den Westfalendamm (B1) hat eine effektive Breite von ca. 3 Metern.3

 

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Eine der eckige Serpentinen (gibt es das bei Straßen auch?)  am Phoenixsee hat eine effektive Breite von ca. 2,10 Metern.4 Eine Begegnung in den Kehrwenden ist trotz geradem Zwischenstück dort nicht jederzeit möglich, wie ich heute überprüft habe. Auch der Fahrtfluss wird unterbrochen.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

An einer der Rampen gibt es dann auch Umlaufsperren talseitig, damit ja kein Lastenrad, Liegerad oder Fahrrad mit AddBike oder Hänger durch kommt. Auch Schwung-nehmen ist so nicht möglich.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Bergseitig kommt man aber auch nicht vernüftig auf die Rampen bzw. runter, denn anstelle einer Absenkung gibt es dort jeweils Parkbuchten, so dass man über den Gehweg fahren muss. Und wenn man das hier muss, warum soll man das nicht auch wo anders machen. So erzieht sich Dortmund seine Gehwegradler. Soetwas sollte bei Neuplanungen nicht mehr passieren.

(Foto: Norbert Paul)
(Foto: Norbert Paul)

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

14 Gedanken zu „Kronprinzenviertel: Planung eines Geh- und Radweges

  • 09.08.2015 um 11:06
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    Ja unbedingt müssen solche guten Vorschläge dort einfließen! Was will man hier mit einem völlig uneffizienten Neubau? Das Wort „famlienfreundlich“ kann hier allgemein als Argument sicher polithsch mitgenutzt werden. Planerisch wäre das eher nichtssagend.
    Und immer die Vertretungsgremien der Menschen mit Behinderungen einbeziehen… die sollten doch in DO eine gewaltige Lobby haben und sitzen doch sicher gerne mit im Boot. .

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    • 09.08.2015 um 16:48
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      Das Wort „famlienfreundlich“ kann hier allgemein als Argument sicher polithsch mitgenutzt werden.

      Danke für den Hinweis!

      Und immer die Vertretungsgremien der Menschen mit Behinderungen einbeziehen… die sollten doch in DO eine gewaltige Lobby haben und sitzen doch sicher gerne mit im Boot.

      Ich kenne die nicht und kann daher nicht einschätzen ob die eher „Blos keine schnellfahrenden Radfahrer*innen“ oder eher „Oh, ja das vermeidet Konflikte, unter denen wir auch leiden.“ sagen.

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  • 09.08.2015 um 23:40
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    Es geht ja hier nicht um’s Thema Radfahren auf Gehwegen oder Fußgängerzonen (da sind die sicherlich zu Recht empfindlich…) und auch nicht darum, wie sie mit dem Taxi zu ihrem Hausarzt oder zum Eckbert in die Innenstadt über das Kopfsteinpflaster kommen (damit unterstützen sie leider die Kfz-Fraktion) ;-) Eine barrierefreie Verkehrsinfrastruktur ist doch hier ein großes gemeinsames Ziel. Spitze Winkel, hohe Bordsteine, Parkbuchten und Umlaufsperren haben dort nichts zu suchen. Ist doch im Gesetz des Landes Nordrhein-Westfalenzur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (Behindertengleichstellungsgesetz Nordrhein-Westfalen – BGG NRW) klargestellt. Unterstützung für entsprechende Belange gibt es notfalls auch aus dem Landtag, falls man hier auf taube Ohren stößt:
    https://land.nrw/de/interview/neue-beauftragte-fuer-menschen-mit-behinderung-vorgestellt

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  • 10.08.2015 um 22:14
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    Mahlzeit,

    also ich bin zu 98% mit dem Rad und dem Kinderanhänger unterwegs.
    3 Meter breite sollte der Weg schon haben. Ich erlebe es an engeren Stellen öfters, dass wenn ich mit dem Hänger wo lang komme, dass es nicht selten ein Problem wird, und dann noch auf so einer Rampe? Nein danke!

    Die eckige Version ist auch sehr unpraktisch. Erstmal kommt da alles ins Stocken. Ältere haben nicht selten Probleme mit solchen engen Kurven, gerade auch mit ihren e-Bikes. Mit dem Anhänger muss man auch nicht selten absteigen und dort schieben.

    Diese Drängelgitter…. wie oft habe ich schon überlegt so eine AccuFlex zu kaufen. Ich hasse diese Teile! Wie oft hatte ich es schon.
    Anhalten, Kind aus dem Hänger, Kind auf die andere Seite bringen und eintrichtern da so stehen zu bleiben, Hänger abkoppeln und durchbuxieren… nicht selten sogar rüber heben, Fahrrad nachholen, Anhänger ankoppeln, Kind einpacken, weiter fahren.
    In BaseCamp habe ich schon einige Wege markiert, dass Routen erst garnicht da lang führen und ich lieber nen Umweg fahre.

    Ja, die Lobby für/mit Menschen mit Behinderung würde ich auf jeden Fall mal anschreiben.
    Die erste Zeichnung oben mit dem Geschwungenen finde ich die beste Lösung für sowas.

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  • 11.08.2015 um 7:40
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    Norbert, unbedingt die Bezirksvertretung anschreiben. Ich ärgere mich immer wieder über diese „rechtwinklige Verkehrsführung“!

    Antwort
  • 11.08.2015 um 8:09
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    Ja Anschreiben!
    Und den Leuten die sowas planen/entscheiden mal auf ein Lastenrad und oder Rad mit Anhänger setzen und da fahren lassen, wo die schlechten Lösungen schon gebaut wurden. Dann sollten auch die wissen, wieso so etwas schlechte Lösungen sind.
    Ach ja, Lastenrad und Hänger auch bitte belasten.

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  • 12.08.2015 um 16:53
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    Ich weiß noch vom Fredenbaumpark am Kanal. Dort sind sie besonders schlimm. Und das auf dem „gelobten“ Dortmund- Ems- Kanal- Radweg.

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  • 16.08.2015 um 16:02
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    Leider funktioniert das mit dem zitieren nicht, daher so
    VON NICO FAUST:
    „Ich weiß noch vom Fredenbaumpark am Kanal. Dort sind sie besonders schlimm. Und das auf dem „gelobten“ Dortmund- Ems- Kanal- Radweg.“

    Von dem Übergang habe ich auch noch ein paar schöne Fotos wie ich da das Spiel mit Kind und Hänger spiele. Da ich von Castrop zum Fredenbaumpark halt immer am Kanal entlang fahre.

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    • 16.08.2015 um 17:03
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      Danke für die Fotos.

      Mir ging es eigentlich um die Trassenführung und nicht die Drängelgitter.

      Antwort
  • 28.08.2015 um 18:55
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    Ich habe nun kurz und knapp an das Behindertenpolitische Netzwerk geschrieben. Mal sehen.

    Antwort
    • 30.12.2015 um 23:08
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      Es ist nicht wirklich etwas beim Besuch dort für mich herausgekommen.

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