Frage der Woche 9: Radverkehrsgerechtes Ruhrgebiet

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Macht Ruhrgebietspolitiker*innen Angst: Die wachsende Bedeutung des Radverkehrs. (Foto. Norbert Paul)

Etwas informiertere Autopolitiker wahnen ja schon mal vor der fahrradgerechten Stadt, da die unleugbar gescheiterte Autogerechte Stadt ja zeige, dass die Fixierung auf ein Verkehrsträger nicht funktioniere. Eine Studie aus den USA konnte z. B. aber schon vor ein Jahren zeigen, dass die radverkehrsgerechte Stadt die Sicherheit für alle erhöht.

Overall, cities with a high bicycling rate among the population generally show a much lower risk of fatal crashes for all road users when compared to the other cities in our database. The fact that this pattern of low fatality risk is consistent for all classes of road users strongly suggests that the crashes in cities with a high bicycling rate are occurring at lower speeds. This agrees with the finding that street network density was one of the most notable differences found between the safer and less safe cities. Our data suggest that improving the streets and street networks to better accommodate bicycles may lead to a self-reinforcing cycle that can help enhance overall safety for all road users. [1]

Das Radverkehrsförderung sich nicht gegen den Autoverkehr richtet, hat auch der ADAC längst erkannt.

Eine Förderung des Radverkehrs sei auch im Interesse der Autofahrer, hieß es. ADAC-Sprecher Christian Hieff: „Wenn mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, gibt es weniger Autos auf den Straßen, und entsprechend entspannter ist die Verkehrslage.“ [2]

Während der ADAC also entspannt mit einer Fahrradstraße [3] umgehen kann, steht der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne für die Sichtweise, die unsere Ruhrgebietspolitiker aller Fraktionen mehrheitlich teilen:

„Fahrradfahren ist eine schöne Sache, aber das sollte man eher im Grünen tun.“ [4]

Da kann man nur sagen:

LKW-Logistik ist eine feine Sache, aber das sollte man eher auf dem Firmenhof tun, als in der Stadt.

Damit ist in seiner Ansicht übrings gar nicht soweit vom ADFC entfernt, der Radverkehrsförderung vor allem im touristischen Bereich betreiben will in den nächsten Jahren:

Dänemark und die Niederlande haben es vorgemacht. Sie haben Fahrradbotschaften gegründet und verkaufen nun ihr Know-how zur Radinfrastruktur in der ganzen Welt. […] Der ADFC will im kommenden Jahr nun eine deutsche Fahrradbotschaft gründen. Mit diesem Schachzug kann der ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork Deutschland zum Titel Fahrradland verhelfen. Noch fehlen allerdings die Mitspieler und ein Konzept. Ganz oben auf der Liste steht bei Stork der Fahrradtourismus. Völlig zu Recht: Reiseradler sind in Deutschland auf gut ausgebauten Strecken unterwegs, und die Wege sind gut ausgeschildert. [5]

Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen, da ich noch nie radwandern war. Aber mit ein paar Kilometern im Urlaub – zu dem man vermutlich mit dem Auto anreist – wird sich in unseren Städten nichts ändern. Nur weil jemand im Sommer mit dem Rad an der Elbe entlang gefahren ist, fährt er noch nicht im Winter in  Gelsenkirchen Rad. Nur weil ich im Urlaub im Meer baden war, geh ich doch im Alltag auch nicht im Baldeneysee baden anstatt im Schwimmbad. Wie der ADFC so das Image des Senioren-Freizeit-Vereins los werden will, weiß ich nicht. Mit so einem harmlosen Tourismus-Schwerpunkt verärgert man sich aber ganz sicher nicht die Politiker*innen, die stolz von der Sommer-Radtour ihres Ortsvereins berichten und damit Radverkehrskompetenz signalisieren wollen. Wann werden unsere Politikerinnen aber z. B. kapieren, dass ein weggefallener Parkplatz, der zwei Menschen motiviert mit dem Fahrrad zu fahren statt mit dem Auto, einen freien Parkplatz schafft oder wenigsten eine Falschparker weniger bedeutet?

Von daher diese Woche die Frage an euch:

Wen und vor allem was für einen Anstoß braucht es, damit Ruhrgebietspolitiker eine echte Fahrradfreundlichkeit nicht mehr als Bedrohung ansehen?

[1] Marshall, Wesley E./Garrick, Norman W. 2011: Evidence on Why Bike-Friendly Cities Are Safer for All Road Users; Environmental Practice vol. 3 no. 1, pp 16-27. doi:10.1017/S1466046610000566, p. 16. Hervorhebungen im Original.

[2] Tiedemann, Axel/Gaßdorf, Ulrich 2014: Straßen nur für Radfahrer – „Schikane“; Welt Online.

[3] Es geht um die Fahrradstraße, über die ich diese Woche bereits kurz berichtet habe.

[4]  Wood, Geneviève/Machts, Julia 2014: Der Krieg um Hamburgs erste Fahrradstraße; Welt Online.

[5] Andrea Reidl 2015: Eine Fahrradbotschaft für Deutschland; Velophil.

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

8 Gedanken zu „Frage der Woche 9: Radverkehrsgerechtes Ruhrgebiet

  • 11.07.2015 um 23:45
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  • 12.07.2015 um 10:19
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    Es braucht Politiker die volkswirtschaftlich denken können. Weil wir die nicht haben, gehen wir das eben betriebswirtschaftlich an. Dann schauen wir einfach nach, wo das Fahrrad heute schon ein bedeutender Wirtschafftsfaktor ist. Naaaa????!!!!!!! Und????….

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  • 12.07.2015 um 11:12
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    Vom „falschen Image“ lösen? Nein, sie muss aufhören eine Autopartei zu sein. Das gilt nebenbei auch für Muttis Autopartei feat. die bayrische Autopartei, die bedeutungslos gewordene Autopartei und die Drei-Liter-Auto-Partei (man möge mir verzeihen, dass ich nicht alle aufzählen kann).
    Dass der Popanz der „fahrradgerechten Stadt“ aufgebaut wird, um negative Assoziationen zur „autogerechten stadt“ zu wecken bedarf keiner weiteren Erwähnung. Auf die Tatsache, dass erstere um Lichtjahre näher an der „menschengerechten Stadt“ ist, als letztere, sollte man allerdings gelegentlich hinweisen. Die (an sich banale) Erkenntnis, dass Radverkehr und Radtourismus zwei Paar Schuhe sind scheint auch noch kein gedankliches Allgemeingut zu sein. Daher besten Dank für den Artikel.

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  • 12.07.2015 um 20:15
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    In dem einen Paar Schuhe liegen immerhin schon mal 10 Milliarden Euro, die in Deutschland allein durch den Fahrradtourismus jährlich generiert werden. Beim Betrachten des anderen Schuhpaares meine ich schon , dass da werbetechnisch in den letzten paar Jahren richtig Leben hinein kommt. Lastenräder und Spikereifen gibt es ja nicht seit gestern und wenn im Sauerland die Pizza mit dem Rad geliefert wird ist doch der Knoten geplatzt. Durchschnittlicher Radverkehr sind Strecken von ca. 3,5 km, Radtourismus sind 2 Halbtagestouren im Jahr. Was bewirkt jetzt den größeren Imagegewinn? Wo Politiker in die Pedale treten, ist doch wurscht. Hauptsache sie tun es. Oder sie werden mal auf eine fiese Tour geschickt, wo sie mal über eine Stellplatzsatzung nachdenken müssen.

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  • 13.07.2015 um 9:53
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    Wann?
    Wenn der Sprit alle ist.
    Vorher nur vereinzelt.

    Der Politiker lebt da aber nur aus, was der Mensch im Allgemeinen auch und sowieso tut.
    Anekdote dazu:
    Immer, wenn ich eine Zusammenkunft von nicht mutwilligen Radfahrern verlasse. Sagen wir; einen Geburtstag oder ein Weihnachtsessen. Es fragt jemand ob er mich nach Hause bringen kann. Und zwar nicht um mit mir meine Briefmarkensammlung zu suchen, sondern aus einer Form von … Mitleid?
    Weil ich ja nur mit dem Rad da bin.

    Andere Frage: Wie viele Memschen aus meinem persönlichen Umfeld konnte ich schon aufs Fahrrad bringen? Leider keinen. Nicht einen einzigen. Traurig, aber wahr.
    Ich habe leider keine Ahnung warum das eigentlich Offensichtlich nicht gesehen wird.

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  • 15.07.2015 um 13:06
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    Berliner SPD:

    Getwittert ist ja schnell etwas, man möge aber dagegen bitte einmal lesen, was der zuständige Senator -ebenfalls SPD- dazu zu sagen hat, das ist in vielerlei Hinsicht, leider sehr erhellend…..

    http://tinyurl.com/ohk52r2

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