Wenn Helme vor sich lösenden Rädern schützen

Symbolbild (Foto: Ruhrpott vs. Radwege - Lizenz: CC-BY-SA)
Symbolbild (Foto: Ruhrpott vs. Radwege – Lizenz: CC-BY-SA)

Steter Tropfen höhlt den Stein gilt auch bei Redaktionen, so dass es nötig ist, immer mal wieder problematische Berichterstattungen zu thematisieren. Als Anregung mein aktuelles Schreiben an die Ruhr Nachrichten Dortmund. Profis dürfen natürlich auch gerne Verbesserungsvorschläge für das nächste Mal machen. :-)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Fehlern in Polizeipressemitteilungen, die den Radverkehr betreffen, wird inzwischen einer der aktivsten Radverkehrsblogs Deutschlands befüllt. [1] Auch die Polizei in Dortmund fällt immer wieder durch eine eher wage Kenntnis der Verkehrsregeln auf. [2] Von daher ist es geboten, gerade bei Polizeipressemitteilungen bei der Übernahme von Informationen kritisch zu sein – was ja eigentlich eine Grundtugend des Journalismus sein sollte.

Vorgestern veröffentlichte die Polizei Dortmund eine Pressemitteilung zu einem Unfall eines 13-jährigen. [3] Am gestrigen Freitag gaben Sie eine verkürzte Fassung wieder.  Hat sich der zuständige Mitarbeiter, die zuständige Mitarbeiterin nicht gefragt, wie ein Helm, der nun mal gerade das Gesicht nicht bedeckt, vor Gesichtsverletzungen hätte schützen sollen? Aus journalistischer Sicht muss meines Erachtens gefragt werden, warum überhaupt der Fahrradhelm thematisiert wird. Es gibt keinerlei Pflicht zum Tragen eines Helmes, da es an einer soliden Grundlage dafür fehlt. [4]

Die Erwähnung des Helms suggeriert hingegen, dass das Nicht-Tragen eines Helmes ein Fehlverhalten wäre. Das Nichttragen eines Helms ist genauso wenig wie das Nichttragen von Knieschützern kein Fehlverhalten. Genauso schlimm ist, dass damit auch der Anschein erweckt würde, Radfahren an sich wäre gefährlich. Wer ein verkehrssicheres Fahrrad hat und es beherrscht, ist sehr sicher unterwegs. Die größte Gefahr geht dabei – den Unfallstatisiken zu Folge – vom Kfz-Verkehr aus. Das ist aber nicht Ausdruck der Gefährlichkeit des Radverkehrs sondern des Kfz-Verkehrs. Entgegen den Aussagen der Polizei („Der Helm schützt nachweislich vor schweren Kopfverletzungen“), ist der aktuelle Stand der fachlichen Diskussion eher der, dass Fahrradhelme nur bei bestimmten – eher harmlosen – Stürzen bei richtiger Anwendung eine von vielen überschätzte Folgenminderungswirkung haben. Das schreibt die Polizei dann im nächsten Satz dann selber. Bei den Unfällen, wo es um Leben und Tod geht, eine Unfallfolgenminderung also besonders wichtig wäre, versagen die Helme also. Und er bedeckt nur den kleinsten Teil des Körpers, der zudem er selten und vor allem bei den schweren Unfällen betroffen ist, wo er ja eben gerade eher nichts bringt. Und ganz wichtig: Fahrradhelmen schützen nicht vor Unfällen. Es wird hingegen sogar diskutiert, dass helmtragende Radfahrer*innen als geschützter angesehen werden von anderen Verkehrsteilnehmern und sich selber sicher fühlen, so dass es sogar zu mehr Unfällen kommen kann aufgrund weniger Rücksichtnahme auf der einen Seite und risikoreicherem Verhalten auf der anderen Seite.

Und um die Absurdität der Helmthematisierung zu verdeutlichen: Ich lese seit Jahren die Ruhr Nachrichten. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, jemals im Zusammenhang mit einem Kfz-Unfall davon gelesen zu haben, dass Sie implizit eine Schuld an den Unfallfolgen suggerieren, indem Sie darauf hinweisen, dass die Insassen des Kfz keine Schutzhelme trugen, die es unbestreitbar auch gibt. Oder haben Sie jemals drauf hingewiesen, ob eine Kfz-Fahrerin oder ein Kfz-Fahrer angepasstes Schuhwerk trug oder nur Flip-Flops?  Oder haben Sie bei einem Motorradunfall jemals thematisiert, ob Lederkleidung getragen wurde oder nicht.

Ich werde dieses Schreiben auf dem Blog von VeloCityRuhr veröffentlichen im Rahmen meiner Berichterstattung über den Radverkehr in der Region.

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Paul

[1] https://presserad.wordpress.com
[2] So kann die Polizei nicht mal ihr eigenes Gelände korrekt beschildern – s. http://adfc-blog.de/2014/05/schilderraetsel-11b/ und http://adfc-blog.de/2015/04/schilderraetsel-3/
[3] http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4971/3045049

edit 15.06 2015.22:22 : Der korrekte Link ist: http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4971/3044628 Danke an macbookmatthes für den Hinweis.
[4] Ein paar der Gründe habe ich hier zusammengetragen: http://adfc-blog.de/2014/06/helmkritik-und-helmempfehlung/

Vielleicht bekommen die Journalist*inn*en irgendwann einen anderen Blick auf Polizeimeldungen und fordern dann auch andere Meldungen von der Polizei, womit dann auch gleich ein anderes Problem gelöst wäre. :-)

Norbert Paul

Der Verkehrsjournalist schreibt u. a. seit 2008 für Mobilogisch (ehemals Informationsdienst Verkehr). Von 2013 bis 2015 war er auch für den ADFC-Blog aktiv. Bei VeloCityRuhr schreibt er über Verkehrspolitik -planung, -recht und -forschung. Er ist berufenes Mitglied im Nahmobiliätsbeirat der Stadt Dortmund.

2 Gedanken zu „Wenn Helme vor sich lösenden Rädern schützen

  • 15.06.2015 um 20:22
    Permalink

    Ist der Link für Nr. 3 wirklich der Richtige? Die Unfallbeschreibung enthält er leider nicht.
    Anyway, mein Helm schützt nur mich vor meiner eigenen Dummheit. Mehr kann, mehr soll er auch nicht tun. Alles darüber hinaus sind bisher Annahmen, die sich nicht selten sehr weit aus dem Fenster lehnen.

    Die jenseits der Grenze gepflegte Anarchie des Alltags ist aber auch in dieser Hinsicht hilfreich: So fahren die (behelmten) Polizeistreifen nicht selten bei knallrot auf gut „belebte“ Kreuzungen, so als wollten sie testen was passiert wenn…….

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